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TU Berlin

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Tipps & Termine

Nach Art der Affen

Freitag, 21. Juni 2013

Die Primatenforscherin Julia Fischer über bizarre Rituale und die biologische Funktion der Laute. Am 11. Jli hält sie die Walter-Höllerer-Vorlesung

Prof. Dr. Julia Fischer Aug‘ in Aug’ mit einem Berberaffen im Affenwald von Rocamadour in Frankreich. Sie studierte Biologie in Berlin und Glasgow. 1996 wurde sie an der FU Berlin promoviert. Während ihres Postdoktorats an der University of Pennsylvania e
Lupe

Frau Professor Fischer, warum beschäftigen Sie sich mit Pavianen und Makaken und nicht mit den Menschenaffen, wenn Sie auf der Suche nach dem Ursprung der menschlichen Sprache sind?

Paviane sind ein interessantes Modell für die Evolution des Menschen, weil sie in der Savanne und in komplexen Gruppen leben. Da angenommen wird, dass ihre Lebensbedingungen denen der frühen Menschen ähnlicher sind, stellen sie hinsichtlich ihrer Kommunikationsprinzipien eine interessantere Analogie dar als die Affen im Regenwald. Außerdem haben mich die Arbeiten der US-Amerikaner Dorothy Cheney und Robert Seyfarth, der zwei wichtigsten Theoretiker für unser Verständnis von Affenkommunikation, stark beeindruckt – und die arbeiteten ebenfalls mit Pavianen.

Im Forschungscamp des Deutschen Primatenzentrums im Senegal haben Sie bei den Guineapavianen, die sie als eine der ersten Wissenschaftlerinnen weltweit systematisch erforschen, ein – wie Sie sagen – „bizarres Begrüßungsritual“ beobachtet: Die Männchen umarmen sich, nicken mit dem Kopf und fassen sich gegenseitig an den Penis. Was bedeutet das?

Es gibt zwei Hypothesen: Sich so nahe zu kommen, dass man sich verletzen könnte, das erlaubt man nur jemandem, mit dem man ein Vertrauensverhältnis hat. Es könnte sein, dass bei diesem Verhalten die Beziehung getestet wird, ob man sich noch aufeinander verlassen kann. Die andere Hypothese ist, dass es ein Aggressionsvermeidungsritual ist, weil es häufig in einer spannungsgeladenen Situation in der Gruppe vorkommt. Eventuell bauen sie so Aggressionen ab, versichern sich ihrer Zusammengehörigkeit und „managen“ auf diese Weise ihre Beziehungen. Wir müssen unsere Beobachtungen aber noch auswerten.

Könnte es auch etwas anderes sein als ein Begrüßungsritual?

Vielleicht sollte man besser von Umgangsform sprechen. Wenn man das das erste Mal sieht und vor allem wenn man Paviane aus dem südlichen Afrika kennt, fragt man sich, was machen die da, wieso dulden sie so viel Nähe? Im südlichen Afrika würden sich die Paviane nicht anfassen, allenfalls, wenn sie kämpfen. Die Beziehungen zwischen den Männchen dort sind hierarchisch und kompetitiv. Die Guineapaviane hingegen kämpfen nur ganz selten miteinander.

Warum sind Paviane im südlichen Afrika hierarchisch organisiert?

Es gibt viele Hypothesen, aber endgültig erforscht ist es noch nicht.

Präferieren Sie eine?

Wenn Paviane oder überhaupt eine Art neues Terrain erobern, könnte es sein, dass sich bei denjenigen, die an der vordersten Front der räumlichen Ausbreitung stehen, eine spezifische Dynamik entwickelt, die Kooperation befördert und nicht Konkurrenz. Es scheint erfolgreicher zu sein, tolerant miteinander umzugehen. Verharrt man dagegen räumlich, bildet sich vielleicht eher dieses kompetitive Zusammenleben heraus, wie bei den Affen im südlichen Afrika. Und es muss irgendwann in der Evolution eine starke Selektion gegeben haben für das kooperative System, denn die Guineapaviane sind kooperativ geblieben, obwohl sie sich nicht mehr ausbreiten können.

Sie gehen in Ihrem Buch „Affengesellschaft“ der These nach, dass Intelligenz bei Pavianen und Makaken die Folge des Lebens in Gruppen mit einer komplexen sozialen Struktur ist, und bejahen dies. Können Sie kurz darstellen, worauf Ihre Erkenntnis beruht?

Zunächst weise ich darauf hin, dass die Hypothese schwer zu testen ist. Einerseits sehen wir, dass Affen wie Paviane und Makaken, die in komplexen Gruppen leben, ziemlich intelligent sind. Aber Orang-Utans sind auch intelligent, und die leben alleine. Da wird dann gesagt, dass ihre Vorfahren aber in komplexen Gruppen gelebt hätten. Intuitiv leuchtet diese Hypothese natürlich ein, das heißt jedoch noch nicht, dass sie stimmt. Definitive Tests solcher globaler Hypothesen sind unheimlich schwierig. Für eine andere These, dass soziale Komplexität eine komplexere Kommunikation hervorruft, verfügen wir jedoch über Daten, um sagen zu können, dieser Zusammenhang besteht nicht – jedenfalls nicht bei dem System, das wir untersuchten.

Das müssen Sie bitte erläutern.

Ich möchte meiner Vorlesung nicht zu weit vorgreifen. Nur so viel: Paviane und Makaken sind sehr viel intelligenter, als ihre Kommunikation vermuten lässt. Der Verstand eilt der Kommunikation sozusagen voraus. Der Hund versteht auch mehr, als er sagt.

Wie schlau sind denn die Paviane und Makaken, die Sie beobachtet haben?

Sie sind unheimlich schlau, wenn es darum geht, zu wissen, wer in der Gruppe mit wem welche Beziehungen hat. Sie wissen viel über ihre Umwelt: So haben sie das Verhalten ihrer Fressfeinde sehr genau studiert. Da wir aber nicht wissen, was in den „Affenköpfen“ vorgeht, können wir uns immer nur ihr Verhalten anschauen, und da stellt es sich oft so dar, als würden sie nicht so viel nachdenken, sondern mehr probieren. Wenn es darum geht, zwei Schritte zu kombinieren, daraus einen Schluss zu ziehen und sich diesen zu merken – da scheitern sie regelmäßig. Das Interessante an Affen ist, dass sie sehr lernfähig sind. Sie verfügen über Verhaltensstrategien, die intelligent erscheinen. Aber man muss eben sehr genau hinschauen und fragen, was sind die Mechanismen, die dahinterstecken, haben sie das jetzt gelernt, weil sie es ausprobiert oder weil sie überlegt haben, was sie jetzt machen. Ich würde sagen, Paviane und Makaken lösen viel über Versuch und Irrtum, weniger durchs Grübeln.

Sie meinen, es sei Zeit, die Kommunikation der Affen vom Kopf wieder auf die Füße zu stellen, und betonen die biologische Funktion der Laute.

Ja, es geht um Gruppenkoordination, darum, den Mutter-Kind-Kontakt aufrechtzuerhalten und andere Männchen oder Weibchen zu beeindrucken. Das sind meiner Meinung nach die eigentlichen Determinanten. Und wenn man fragt, wozu nutzen die Affen die Laute, erfährt man vielleicht mehr über ihre Kommunikation, als die Frage zu stellen, ob das Sprache ist oder nicht.

Das Interview führte Sybille Nitsche

Walter-Höllerer-Vorlesung und Mitgliederversammlung der „Gesellschaft von Freunden e. V.“

Julia Fischer: „Zum Ursprung der menschlichen Sprache – Was uns die Primatenforschung verrät“

Zeit: Do, 11. Juli 2013, 18.00 Uhr
Ort: TU Berlin, Straße des 17. Juni 135, Hauptgebäude, Hörsaal H 104

Die Mitgliederversammlung beginnt um 16 Uhr im Raum H 2036.

Sybille Nitsche / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 6/2013

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