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TU Berlin

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"Die Schule der Neuen Prächtigkeit"

»Die Schule der Neuen Prächtigkeit«: ein Name wie ein Paukenschlag! Und als Provokation wollten sie diesen Namen auch verstanden wissen, die Berliner Maler Manfred Bluth, Johannes Grützke, Matthias Koeppel und Karlheinz Ziegler, als sie im Herbst 1973 ihre Künstler-Initiative, eine »Schule« im klassischen kunsthistorischen Sinne des Wortes, gründeten. Ihr Ziel war es, so verkündeten sie lauthals und lyrisch, die »Fluten der Kläglichkeit« einzudämmen: »Jene Fluten aus armseliger Architektur und Stadtplanung, mehrheitsgläubiger Demokratie, verantwortungslosem Nähen ohne Abschlußknoten, elektrischer Musik, elenden Badeanstalten, vorbildlichem Design, praktischen Strumpfhosen, didaktischen Kunstausstellungen, Geringschätzung des Endreims, verkrachter Tischlerei, unhaltbarer Schuhmacherei, allgemeiner Denkmalslosigkeit, stotternder Literatur und karierter Malerei.«

Was sich hier halsbrecherisch im Geist der Negation zu definieren schien, entpuppte sich bald als eine überaus witzige, verspielte, einfallsreiche und gesellige Vereinigung von Jungmalern, die sich ostentativ unzeitgemäß – aber nicht ohne ironische Brechung oder Verzerrung – zum europäischen Künstlertum des 19. Jahrhunderts bekannten. Malen, Dichten, Geigen, gemeinsam ins Museum gehen, bizarre Manifeste und Aufrufe schreiben, drucken und verkünden, absonderliche Gesellschaft en gründen und nächtelang in den legendär gewordenen Künstlerkneipen West-Berlins ausharren: Das waren die Aufmerksamkeit heischenden, Sinn und Verstand stets auf die Probe stellenden Aktivitäten der »Schüler der Neuen Prächtigkeit«. Sie brachten damit einen unverkennbaren, schrillen Ton in die gesellschaftlichen Debatten jener Zeit und schufen zugleich Kunstwerke, in denen sich Originalität mit einem hohen Maß an maltechnischem Können verband.

Und heute? Angesichts des seit etwa zehn Jahren nicht nur in Deutschland neu erwachten Interesses an figürlicher Malerei kann die »Schule der Neuen Prächtigkeit« als eine der bedeutendsten künstlerischen Bewegungen der Nachkriegszeit gelten, in der die (damals unzeitgemäße und marktfremde) Möglichkeit, gegenständlich zu malen, zum fröhlichen Programm erhoben, demonstriert und gelebt wurde. Mit Blick auf den politischen Hintergrund des Kalten Krieges und auf die Inanspruchnahme der Künste für unterschiedliche ideologische Zwecke ist die »Schule« aus gegenwärtiger Perspektive geradezu prädestiniert, allzu rasche pauschale Einordnungen (etwa unter dem Etikett »Realismus in Ost und West«) zu unterlaufen und zu nuancieren. Darüber hinaus leisten die Bilder und Geschichten dieser Künstlergruppe einen wertvollen Beitrag zur noch zu schreibenden Geschichte des kulturellen Lebens und Treibens in der Bundesrepublik, speziell im freiheitlichen West-Berlin, der »Hauptstadt der Revolte«.

Im vorliegenden Band werden die Akteure, die Aktivitäten, die ästhetischen Positionen und künstlerischen Hervorbringungen der »Schule der Neuen Prächtigkeit« in sieben Essays historisch eingeordnet und ästhetisch gewürdigt. Der umfangreiche Abbildungsteil mit Bildern aller vier Künstler präsentiert herausragende Beispiele ihrer Malerei – in ihren Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Ein eigenes Kapitel widmet sich den vielgestaltigen theatralischen Inszenierungen der Gruppe, in denen sich ihr Selbstverständnis auf besonders markante Weise artikuliert. Die zahlreichen, zum größten Teil noch nie veröffentlichten Fotografien und Dokumente insbesondere aus den 1970er- und 1980er-Jahren schließlich vermögen etwas von der freiheitlichen Atmosphäre und seltsamen Poesie jener Zeit zu vermitteln. Mit all dem beleuchtet der Band, der anlässlich einer großen retrospektiven Ausstellung der »Schule der Neuen Prächtigkeit« im Lichthof der Technischen Universität Berlin erscheint, den skurrilen Ernst und den unerschrockenen Witz, mit dem eine Künstlergruppe sich zum »unrentablen «, aber »idealen« Lebensziel setzte, auf ganz eigene Weise eine künstlerische Tradition fortzusetzen und »Prächtigkeit neu zu entdecken«.

Bénédicte Savoy, Diethelm Kaiser

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