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TU Berlin

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Forschung

Angriff auf die selbst organisierte Anarchie

Montag, 13. Oktober 2014

Die digitale Gesellschaft und ihr Partizipationsdefizit - Von Dr. Boris Traue

Lupe
Boris Traue
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Digitale Kommunikationsmedien haben das Leben beinahe aller Menschen weltweit verändert, so weit der Common Sense in Wissenschaft, Kultur und Politik. Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene nutzen ihre Möglichkeiten als Selbstverständlichkeit.

Medienunternehmen wie Myspace, Facebook, Tumblr oder WhatsApp greifen Bedürfnisse und Wünsche nach freundschaftlicher und beruflicher Beziehungspflege auf und bieten eine Bühne, auf der sich Menschen unterschiedlichen Alters einem großen Kreis von Mitmenschen gegenüber darstellen können.

Grammatisierung des Lebens

Im DFG-Forschungsprojekt „Audiovisuelle Kulturen der Selbstthematisierung“ haben wir über mehrere Jahre mit Akteuren aus der „Webvideo“-Szene gesprochen, die sich selbst als „Videoblogger“, Webvideo-Aktivisten oder als „YouTuber“ verstehen. Wir verfolgten ihre Blogs, besuchten ihre Veranstaltungen und verbrachten Zeit mit ihnen. Sie sind meist zwischen 15 und 30 und zählen zu den „digital natives“. Sie sind mit „sozialen Medien“ aufgewachsen und sind stolz auf ihre eigenen Vlogs (Video-Blogs), Tutorials, Comedy-Sendungen und Amateur-Nachrichtensendungen. Sie schätzen ihre bekannten oder sogar berühmten Peers, die es geschafft haben, ohne Unterstützung mächtiger Produktionsfirmen und oft ohne Medienausbildung sichtbar und hörbar zu sein. Sie nutzen vor allem YouTube, weil diese Plattform vielfältige Möglichkeiten, ein umfangreiches Arsenal von Vernetzungs-, Kommentierungs-, Bewertungs- und Selbstevalutions-Tools bietet, mit denen die Medienamateure ihre Aktivitäten koordinieren können.

Doch im Laufe der Untersuchung schlug die Stimmung um: Während 2010 und 2011 noch Euphorie oder zumindest Optimismus unter den Amateuren dominierte, waren in den darauf folgenden Jahren viele über die Entwicklung des Internets und insbesondere von YouTube enttäuscht. Das grundlegende Problem – so sehen es viele Gesprächspartner – liegt in der zunehmenden Konzentration von Aufmerksamkeit – die wichtigste Währung im „social web“ – auf eine immer kleinere Anzahl von Nutzerinnen und Nutzern.

Diese Entwicklung hat verschiedene Ursachen: Während etwa in den ersten Jahren von YouTube sehr viele Videos für einige (Viertel-)Stunden auf der Startseite erschienen und die Seite damit einer Art globaler Video-Wandzeitung ähnelte, bekommt das heutige Publikum vorausgewählte Videos über „recommendation engines“ angeboten, ähnlich den bei Amazon empfohlenen Produkten. Außerdem üben profitorientierte Produktionsfirmen (zum Besipiel „Mediakraft“) einen starken Einfluss auf die Landschaft des amateurkulturellen Internets aus, während sich die staatliche Kulturförderung (noch) nicht für die Förderung der jungen Amateure und ihre Interessen einsetzt.

Kollektive Lenkung der Technikentwicklung

Durch die ökonomischen Konzentrationsprozesse – die Suchmaschine Google dominiert etwa mit rund 69 Prozent Marktanteil, YouTube stellt 63 Prozent aller Internetvideos bereit – haben Nutzerinnen und Nutzer kaum noch Alternativen. Dadurch werden die soziokulturellen Reformpotenziale, die mit dem Internet verknüpft sind, in ihrer Entfaltung drastisch eingeschränkt und in neue Formen algorithmischer Kontrolle kanalisiert. Die Möglichkeiten, solidarischere, gerechtere und ökologischere Formen des Zusammenlebens und der Lebensführung zu gewinnen, schrumpfen zunehmend.

Weshalb sind die gesellschaftlichen Konflikte um die neuen Technologien so scharf? Der durch die Verbreitung digitaler Medien ausgelöste Schock hat anthropologische Ausmaße, die sich vor allem aus den neuen Möglichkeiten der Grammatisierung des Lebens und seiner Ausdrucksformen ergeben: Bewegungen in Zeit und Raum, Kommunikationen, Kulturgüter, Wissensbestände, sogar die DNA als Grundbaustein des Lebens selbst werden algorithmisch entschlüsselt und dadurch reproduzierbar und modifizierbar gemacht. Dabei werden das alltägliche Handlungswissen und die Rationalitätsformen der Moderne mit ihren Ansprüchen an Gleichheit, Berechenbarkeit und Solidarität zunächst entwertet. An den genannten Entwicklungen zeigt sich allerdings, wie sehr die akademisch und subkulturell geprägte selbst organisierte Anarchie des Internets der 1990er- und frühen 2000er-Jahre von verschiedenen Expertengruppen seit einiger Zeit zurückgedrängt wird: Die geheimdienstlichen Überwachungstechnologien der NSA und anderer Geheimdienste zählen ebenso zu diesem Backlash wie – auf einer andereren Ebene – die Verbreitung der Datamining-Algorithmen von kommerziellen „Big Data“-Technologien. Mit diesen Technologien können Nutzer- und Konsumentenentscheidungen systematisch erforscht und damit sogar rechnerisch antizipiert werden. Die kostenlose Bereitstellung von Diensten, die Bedürfnisse nach sozialen Beziehungen, kultureller Teilhabe und biografischer Orientierung aufgreifen, ohne dass eine zivilgesellschaftliche, politische und technikreflexive Auseinandersetzung über diese Techniken vorausgegangen wäre, droht private und gesellschaftliche Sorgeverhältnisse und Solidaritäten zu zerstören.

Pluralisierte Machtverhältnisse und Konflikte

Alarmismus ist dabei aber eine kurzschlüssige Reaktion: Zum einen ist die Furcht vor neuen materiellen Formen gesellschaftlichen Lebens so alt wie die Kultur selbst: Schon Platon war skeptisch gegenüber neuen Medien: Er hatte die Befürchtung, die Schrift könnte das Gedächtnis zerstören – bekanntlich ist das Gegenteil eingetreten. Zum anderen zeigt sich in unserer und vielen anderen Studien, wie Jugendliche und junge Erwachsene ganz selbstverständlich mit den hilfreichen und toxischen Wirkungen von Medien umgehen: Die Nutzerwanderungen zwischen „Social media“-Plattformen wie Myspace, Facebook und WhatsApp zeigen an, dass die Medienreflexivität mit der Medienentwicklung Schritt halten kann. Die Machtverhältnisse sind dabei aber noch nicht völlig festgefahren: Gerade die Vernetzungstechnologien der „sozialen Medien“ stärken ja auch die Organisierungsmöglichkeiten der Bürgerinnen und Bürger gegenüber übermächtigen „Multinationals“ und gegenüber autoritären staatlichen Institutionen. Die bedeutende Rolle der „mobile media“ (zum Beispiel Mobiltelefon, Twitter, Facebook) und der digitalen Wissensmedien (Wikipedia, „open source repositories“) für die Aktivistinnen und Aktivisten des Arabischen Frühlings, für die Organisation der globalisierungskritischen Bewegung und nicht zuletzt für die weltweite Selbstorganisation der Wissenschaft sind unbestritten. Diese Potenziale der neuen Medien müssen von den zivilgesellschaftlichen und staatlichen Akteuren gestärkt werden.

Herausforderungen der digitalen Gesellschaft

Zurzeit laufen ganz unterschiedliche Bemühungen, die Kontrolle über das Internet und seine technischen Standards stärker zu verteilen und zu demokratisieren. So ermahnte im Februar 2014 die Vertreterin der Europäischen Kommission die ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers), also die zentrale Einrichtung zur Entwicklung und Verwaltung von Internetprotokollen, die Internationalisierung der Kontrolle über das Internet zu stärken. Von Brasilien gehen Planungen aus, ein eigenes transatlantisches Kabel zu verlegen, um den Datenverkehr zwischen Europa und Südamerika autonomer zu gestalten. Bürgerrechtlich orientierte Informatiker und Informatikerinnen arbeiten an leicht bedienbaren Verschlüsselungstechnologien und der Etablierung einer anonymen Webserver-Architektur, etwa des Tor-Netzwerks. Gewerkschaften versuchen ihre internationale Vernetzung voranzutreiben und sind dabei mit dem Globalisierungsvorsprung multinationaler Konzerne konfrontiert.

Die Universitäten nehmen dabei eine bedeutende Rolle ein: als Ort der Innovationsentwicklung außerhalb ökonomischer Gewinnerwartungen, als Institution sozialwissenschaftlicher Forschung über den Zusammenhang technischer und gesellschaftlicher Entwicklung und als Forum für gesellschaftsweite Kommunikation über die Frage, wie wir zusammenleben wollen und wie die technische Infrastruktur beschaffen sein soll, mit der wir dieses Zusammenleben gestalten möchten.

Dr. Boris Traue ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie und Leiter des DFG-Projekts „Audiovisuelle Kulturen der Selbstthematisierung“

"TU intern" Oktober 2014

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