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TU Berlin

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Hochschulpolitik

Nachgefragt bei Matthias Drieß: „Wir haben Mauern eingerissen und Weichen gestellt“

Freitag, 12. Dezember 2014

Die Exzellenzinitiative hat bedeutsame Initialfunken für die Forschung gezündet

Prof. Dr. Matthias Drieß, Wissenschaftlicher Direktor im BasCat-Labor und Sprecher des TU-Exzellenzclusters Unifying Concepts in Catalysis (UniCat)
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Hier findet Katalyseforschung auf höchstem Niveau statt: Blick in das neue UniCat BASF JointLab an der TU Berlin
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Der Beschluss zur Weiterführung der Exzellenzinitiative nach 2017 liegt vor. Was bedeutet das für Sie als Sprecher von UniCat, dem einzigen technisch-natur-wissenschaftlichen Exzellenzcluster im Berliner Raum?

Matthias Drieß: Ich bin sehr erleichtert über dieses wichtige Signal. Das Experiment Exzellenzinitiative hat fulminant positive Auswirkungen gezeitigt, hat den Universitäten einen gewaltigen Schub gegeben, für eine enorme Ausdifferenzierung der Forschung gesorgt und kann gar nicht überschätzt werden. Das trifft auch auf UniCat zu. Bestimmte Kooperationen und Projekte wären so nie zustande gekommen. Deren Ergebnisse haben weltweit großes Aufsehen erregt. Wir konnten mit dem Forschungsprogramm von UniCat ein nachhaltiges Vorbild für die Katalyseforschung schaffen, auch weil wir Mauern zwischen den beteiligten Disziplinen eingerissen haben. Das ist für Berlin – im Jahr des 25-jährigen Mauerfalls – als Symbol genau das Richtige. Wir haben Weichen gestellt, und das ist uns Ansporn, weiter in wissenschaftlich-technologisches Neuland vorzustoßen.

Was konnte konkret innerhalb des Exzellenzclusters realisiert werden, was ohne dieses Geld nicht möglich gewesen wäre?

Wir haben drei große Themenblöcke bereichern können. Erstens: Die Entwicklung neuer Katalysatorsysteme für die Aktivierung von kleinen Molekülen, die für die Energiewende von großer Bedeutung sind: Wasserstoff, die Reduktion von CO2, die oxidative Kupplung von Methan zu Ethylen. Letztere Reaktion ist besonders wichtig, um Ethylen als Rohstoff für Polymere und Medikamente produzieren zu können, auch ohne den Einsatz von Erdöl. Hier haben wir mit Partnern zusammengearbeitet, die so nie zusammengekommen wären, zum Beispiel mit Chemieingenieuren an der TU Berlin, mit dem Fritz-Haber-Institut und dem Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam. Die Arbeiten haben zahlreiche Patente hervorgebracht und eine Reihe von viel beachteten wissenschaftlichen Publikationen. Zweitens: Das UniCat-Team konnte ein lange Zeit bestehendes kniffliges Rätsel lösen: Wie erreichen es bestimmte Eisen-Nickel-haltige Hydrogenasen, dass sie gegenüber Luftsauerstoff stabil sein können? Die Natur nutzt dafür einen bisher unbekannten Eisen-Schwefel-Cluster, der wie eine „Firewall“ den Sauerstoff abwehrt. Hydrogenasen sind Biokatalysatoren (Enzyme), die in bestimmten Mikroorganismen (Algen) vorkommen. Sie sind in der Lage, Protonen und Elektronen zu Wasserstoff umzusetzen, sie können also zur biologischen Wasserstofferzeugung in großtechnischem Maßstab genutzt werden, aber nur, wenn sie sauerstofftolerant sind. Unser Team konnte mit diesem Enzym auch eine Bio-Brennstoffzelle herstellen, in der das teure und seltene Platinmetall als Elektrodenmaterial in konventionellen Brennstoffzellen durch die Hydrogenase ersetzt werden konnte.

Und drittens …?

Der dritte Themenblock befasst sich mit der Frage, wie katalysiert und integriert werden könnte, damit die Entdeckungen aus der Berliner Katalyseforschung noch schneller in der Praxis ankommen. Am Anfang steht immer der Erkenntnisprozess, aber dieser eröffnet dem wachen Kopf vielleicht auch die ungeahnte Möglichkeit, zur Lösung eines „echten“ technologischen Problems beitragen zu können. Nur das sichert Arbeitsplätze und schafft neue. Unsere Antwort darauf ist die Gründung von BasCat, dem UniCat-BASF-Joint-Laboratorium, das wir 2012 auf dem Campus der TU gegründet und dieses Jahr feierlich eröffnet haben. Es ist das modernste Chemielabor der TU Berlin, das beide Seiten viel Geld und Mühe gekostet hat. Im BasCat wird auf dem Gebiet des nachhaltigen Rohstoffwandels geforscht. Für die TU Berlin als Sprecherhochschule von UniCat und als Heimat von BasCat sind solche Projekte außerordentlich wichtig, denn sie stellen die gelebte Schnittstelle von Grundlagen- und angewandter Forschung dar. Man kann also sagen: UniCat ist sein eigener Katalysator.

Wäre UniCat ohne die Exzellenzinitiative weiterhin lebensfähig?

Die Exzellenzinitiative hatte die Funktion, etwas Großes anzuschieben, in unserem Fall haben wir die Möglichkeit genutzt, das BasCat-Labor als nachhaltigen Platz aufzubauen. Wir sind davon überzeugt, dass es unabhängig von der Exzellenzinitiative weiterlaufen wird. Und andere neue Forschungsverbünde werden sicher folgen. Aber was wird aus dem Großen und Ganzen? Es ist klar: Ein wuchtiger Initialfunke wird immer noch gebraucht, wenn man Grundlagenforschung in so großem Stil wie im Exzellenzcluster betreiben will. Es ist schon merkwürdig, dass jeder Sonderforschungsbereich mehr Entwicklungszeit eingeräumt bekommt – insgesamt zwölf Jahre – als ein Exzellenzcluster – insgesamt zehn Jahre. Wir stehen in den Startlöchern, um weiterhin ein dickes Brett zu bohren. Das Ansehen der Katalyseforschung in Berlin hat durch UniCat zugenommen. Wir können nur in der Spitzengruppe bleiben, wenn wir auch weiterhin die besten Köpfe anziehen. Der Nobelpreis für Chemie an Gerhard Ertl 2007 ist und bleibt Vorbild und Ansporn für interdisziplinäre Spitzenforschung in der Katalyse im Berliner Raum.

Welche Forderungen haben Sie für die Ausgestaltung des neuen Förderzeitraumes?

Ich habe keine Forderung, sondern appelliere an die Vernunft und Verantwortung der Politiker, die freigesetzten Kräfte und kreativen Strukturen wie die eines neugeborenen Kindes zu bewahren. Wir brauchen eine Fortsetzung der Exzellenzinitiative als Bekenntnis und aktives Mittel zur Spitzenforschung in Deutschland. Die Förderperiode sollte nicht auf fünf Jahre, sondern besser auf sieben Jahre angelegt sein und die Möglichkeit bieten, dass man mit einem hehren Forschungsziel auch wieder antreten kann. Wer gewinnt, das entscheidet das internationale Begutachtungsverfahren unter der Schirmherrschaft der DFG. Unsere Erfahrung zeigt, dass insbesondere der zeitliche Aufwand für die Organisation und die „Schaffung einer gemeinsamen Sprache“ stark unterschätzt wurde. Und natürlich sollte das Exzellenzprogramm finanziell ein Flaggschiff bleiben. Doch ebenso wichtig ist: Die Exzellenzinitiative, so hat sich gezeigt, kann nicht die Defizite der mangelnden Grundausstattung der Universitäten ausgleichen. Diese haben die Aufgabe, in der Breite auszubilden, wofür sie auch in der Breite Mittel benötigen. Denn mit einem wachsenden Betreuungsverhältnis leidet auch die Forschung und mit dieser die Innovationsfähigkeit Deutschlands. Derzeit hat, wer sehr erfolgreich in der Forschung ist, die Grundausstattung sehr schnell aufgebraucht. Fazit: Die Finanzierung der Exzellenzinitiative entlässt die öffentliche Hand nicht aus der Pflicht, die Grundausstattung zu verbessern. Die Berliner haben gezeigt, was sie schaffen können, auch mit reduzierten Mitteln. Und das muss jetzt auch mal gewürdigt werden, denn wir sind am Ende der Fahnenstange des Sparens angekommen.

Vielen Dank!

Das Gespräch führte Patricia Pätzold

"TU intern" Dezember 2014

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