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TU Berlin

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Internationales

Mehr als nur Austausch von Lehre und Forschung

Freitag, 27. Juni 2014

Gedanken zur internationalen Ausrichtung der Universität - Von Nazir Peroz

Das IT-Center an der Universität Balkh in Afghanistan, das mit Hilfe der TU Berlin aufgebaut wurde
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Nazir Peroz
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Seit Jahren schreitet die Internationalisierung in Wissenschaft und Forschung an der TU Berlin mit großer Dynamik voran. Sie weist nicht nur einen hohen Anteil internationaler Studierender und Wissenschaftler von rund 19 Prozent auf. Als eine der Spitzenreiterinnen in der Forschung und als eine der größten Hochschulen Europas pflegt sie bereits einen jahrzehntelangen internationalen Austausch von Studierenden und Forschenden. Ein gut etabliertes, weltumspannendes Netzwerk mit mehr als 100 Partnerschaften und Forschungskooperationen tut ein Übriges. Die Aktivitäten sind so umfänglich, dass eigens eine Vizepräsidentin für Internationales und Lehrkräftebildung mit der Koordination betraut wurde, Prof. Dr. Angela Ittel.

Bei näherer Betrachtung fällt mir jedoch auf, dass dieses Fortschreiten oft die Folge von Einzelaktivitäten ist. In vielen Bereichen ist die Internationalisierung daher lediglich punktuell. An Fakultäten, die bereits Strategien zur Internationalisierung entwickelt und Ziele definiert haben, stehen meist Austauschprogramme und Forschung im Mittelpunkt. Doch Internationalisierung ist viel mehr: Sie bedeutet, dass sich internationale Studierende und Wissenschaftler, die aus verschiedenen Ländern mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen an die Uni kommen, in den Fachgebieten und an den Fakultäten, auf dem Campus und in der Mensa wohlfühlen. Dazu benötigen sie Raum für den interkulturellen Dialog. Alle Studierenden müssen einerseits auf ein verantwortungsbewusstes, selbstständiges, kooperatives und interdisziplinäres Arbeiten im Beruf vorbereitet werden. Gleichzeitig muss man sie motivieren, ihr gewähltes Fachstudium innerhalb der Regelstudienzeit erfolgreich abzuschließen. Dazu bedarf es, wie ich in meiner langjährigen Arbeit im ZiiK beobachten konnte, insbesondere bei ausländischen Studierenden intensiverer Betreuung und guter Aktionsprogramme.

Als Hauptstadtuniversität werden von der TU Berlin mit Recht besondere Aufgeschlossenheit, Toleranz, Weltläufigkeit sowie Offenheit gegenüber Kulturen erwartet. Sie sollte aus meiner Sicht, neben der Erbringung von Spitzenresultaten in der Forschung, vor allem auch die kulturelle Vielfalt als Chance für ihre eigenen Studierenden und Forschenden fördern. Denn deutsche und internationale Studierende und Forschende sollen schließlich, neben der internationalen Zusammenarbeit, auch die Entwicklungszusammenarbeit stärken. In einer zusammenrückenden Welt der grenzüberschreitenden wirtschaftlichen und technologischen Herausforderungen ist eine Verstärkung von internationalen Partnerschaften auf Augenhöhe von elementarer Bedeutung. Dies alles könnte einer Gesamtstrategie zur Internationalisierung sehr dienlich sein.

Kulturelle Vielfalt

Menschen verschiedenster Kulturen aus circa 130 Nationen leben in Berlin, studieren und forschen an der TU Berlin. Angesichts globaler Verantwortung kann sie dies als Chance zur Verbesserung des kulturellen Dialogs nutzen. Die Erfahrungen von Menschen aus anderen Kulturkreisen können so auf natürliche Weise in die Diskussionen einbezogen werden. Eine reine Anpassung der ausländischen Studierenden, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an die deutsche Kultur kann nicht das ausschließliche Ziel sein. Daher ist es wichtig, die unterschiedliche kulturelle Identität der Menschen zu fördern und ein Podium für den Austausch kultureller Erfahrungen zwischen deutschen und internationalen Studierenden und Wissenschaftlern an der TU Berlin zu schaffen.

Die Entwicklung einer kollektiven Identität ist ebenfalls nicht das primäre Ziel. Jeder Studierende besitzt eine eigene, durch Herkunft, Sozialisation und Bildung individuell und kulturell geprägte Identität. Der Austausch persönlicher Erfahrungen in einem gemeinsamen Bereich – zum Beispiel ein Studium derselben Fachrichtung – kann beidseitiges Verständnis und die Zusammenarbeit fördern. Die Erkenntnisse aus diesem Austausch sollten in das Curriculum der einzelnen Studienfächer eingebettet werden. Ein obligatorischer Rahmen muss sicherstellen, dass alle Studierenden, gleich welcher Herkunft, davon profitieren. Nur so können sie ihr erlerntes Wissen in den eigenen Lernprozess aufnehmen und als Multiplikatoren weitergeben. Fundierte Kenntnisse über verschiedene Lehr-, Lern- und Bildungssysteme, über soziale und herkunftsbezogene Implikationen sowie über wissenschaftliche Grundthesen sind notwendige Voraussetzungen für ein besseres gegenseitiges Verstehen und fördern gezielt sowohl den fachinternen als auch den fachübergreifenden Dialog.

Aus meiner langjährigen Erfahrung bei der Ausbildung ausländischer Studierender und aus vielen Gesprächen mit Kolleginnen, Kollegen, mit Vertretern ausländischer Bildungseinrichtungen, weiß ich, dass bei Zielgruppen aus bestimmten Herkunftsländern Defizite im Bildungsbereich dieser Herkunftsländer in Betracht gezogen werden. Um bestimmte entwicklungs- und hochschulpolitische Ziele zu erreichen, erscheint es mir sinnvoll, in eine Internationalisierungsstrategie spezifische Ausbildungsprogramme für Studierende und Wissenschaftler aus diesen Ländern einzubeziehen. So könnte die TU Berlin noch stärker als bisher dazu beitragen, den Mangel an Fach- und Führungskräften in diesen Herkunftsländern zu beseitigen und Entwicklungsprozesse zu beschleunigen. Dafür ist ein länderspezifischer Ansatz notwendig, da in der Regel weder Voraussetzungen noch Bildungssysteme vergleichbar sind.

Internationale Studierende und Wissenschaftler sind Kulturbotschafter und Vermittler zwischen den Bildungssystemen. Mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), dem Auswärtigen Amt (AA) sowie mit Organisationen wie der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) müssen differenzierte bilaterale Verträge zur gezielten Förderung von Ausbildungsprogrammen in der Entwicklungszusammenarbeit geschlossen werden. Darüber hinaus ist ein ausreichendes Angebot für Aufenthalte an den Heimatuniversitäten während des Studiums für die Studierenden wichtig. Nur dann können sie ihr neu erworbenes Wissen dort einfließen lassen und entfremden sich nicht von ihrem Land und ihrer Kultur durch den längeren Auslandsaufenthalt.

Verstärkung internationaler Partnerschaften und Einbeziehung der Industrie

Eine Zukunftsinvestition und Motor für eine künftige wissenschaftliche und wirtschaftliche Zusammenarbeit ist meiner Meinung nach auch die Ausbildung junger Afrikaner und Afrikanerinnen. Hier kann die TU Berlin bereits auf eine lange Tradition zurückgreifen und sollte die wissenschaftliche Kooperation mit afrikanischen Ländern verstärken, um die engen internationalen Verflechtungen weiter auszubauen. Es ist wichtig, dass der Nachwuchs für Führungspositionen im Herkunftsland studienbedingt mit Deutschland vertraut und ihm gegenüber aufgeschlossen ist. Dieser Nachwuchs wird später Kunde, Partner oder Mitarbeiter eines deutschen Unternehmens sein. Ohne diese „Botschafter“ und „Mitarbeiter“ wird die deutsche Industrie in Märkten mit hohem Entwicklungspotenzial der internationalen Konkurrenz nicht standhalten können. Daher schlage ich vor, neben entwicklungspolitischen Organisationen auch die Industrie in eine Internationalisierungsstrategie einzubeziehen. Die Studierenden sollten also studienbegleitend bereits durch fachbezogene Praktika oder Werktätigkeit Strukturen und Systeme deutscher Firmen kennenlernen können. Das erleichtert ihnen nicht nur den Einstieg in das Berufsleben, sondern bietet auch gute Voraussetzungen für einen möglichen Transfer von Strukturen in die Herkunftsländer.

Neben Praktikumsplätzen könnten deutsche Firmen günstige Bildungskredite anbieten oder Stipendien ausschreiben, um künftige Partner auszubilden. Das bietet den weiteren Vorteil, dass die Studierenden sich auf ihr Studium und den Abschluss in der Regelstudienzeit konzentrieren könnten ohne durch studienfremde Arbeiten Zeit zu verlieren. Die zusätzlich erworbenen beruflichen Kenntnisse ließen sie schnell und effizient in den Arbeitsmarkt ihres Herkunftslandes einsteigen.

Gesamtstrategie der Internationalisierung

Internationalisierung sollte als Querschnittsaufgabe von Fakultäten, Forschenden, Studierenden und Verwaltungsmitgliedern gemeinsam betrachtet und getragen werden. Studierende sollten, je nach Bedarf, durch Propädeutika, länderorientierte Lehrangebote sowie durch gute, sachliche und soziale Betreuung unterstützt werden, um sie zu befähigen, sich nach dem Studium für die Entwicklung in ihren Herkunftsländern einzusetzen. Nachhaltigkeit müssen diese Partnerschaften durch Alumniprogramme, Fort- und Weiterbildungen erhalten.

Die TU Berlin verfügt hier bereits über ein beträchtliches Erfahrungswissen und Potenzial, das gut in eine Gesamtstrategie zur Internationalisierung eingebettet werden sollte. Bereits vorhandene Konzepte sollten gebündelt werden und es sind Bemühungen um eine stärkere Einbindung der internationalen Studierenden und Wissenschaftler, um mehr Dialog, mehr Interkulturalität und mehr Offenheit auf dem Campus erstrebenswert. So werden sich die internationalen Gäste aus unterschiedlichen Kulturen in allen Bereichen der TU Berlin willkommen fühlen.


Zur Person

Dr. Nazir Peroz ist Leiter des Zentrums für internationale und interkulturelle Kommunikation (ZiiK) an der Fakultät IV Elektrotechnik und Informatik der TU Berlin. Seit mehr als zehn Jahren engagiert er sich für den Wiederaufbau afghanischer Universitäten. Unter anderem leitet er ein Master-Programm zur Ausbildung von jungen Informatikern für die afghanische Verwaltung und den Bildungssektor.

www.ziik.tu-berlin.de

"TU intern" Juni 2014

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