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Forschung

Sommermärchen und Hitzestress

Freitag, 25. Juli 2014

Klimatologe Dieter Scherer: Warum die Freihaltung des Tempelhofer Feldes eine Fehlentscheidung war

Lupe

Herr Scherer, vor Kurzem haben die Berliner entschieden, dass die 355 ha große Freifläche des Tempelhofer Feldes nicht bebaut werden darf. Warum ist das für Sie als Klimatologe eine Fehlentscheidung?

Von der klimatischen Wirkung dieser großen Fläche profitieren leider nur wenige Menschen in der Stadt, nämlich die unmittelbaren Anwohner. Das liegt daran, dass auch eine große Parkfläche, wie eben das Tempelhofer Feld, nur eine begrenzte Reichweite in seiner klimatischen Wirkung hat. Hier sind es vielleicht 200 oder 300 Meter. Da jede Stadt nur über eine begrenzte Menge offener Flächen verfügt, muss die Frage, wie vielen Menschen es nützt, eigentlich der Entscheidung zugrunde liegen, ob man die zur Verfügung stehenden offenen Flächen auf einen großen oder mehrere kleine Parks – ein Hektar sollte es schon sein – aufteilt. Zum Zweiten zeichnet sich ein gutes Stadtklima nach einer bereits 100 Jahre alten Definition nicht durch bestimmte Temperaturen, eine bestimmte Feuchtigkeit oder einen bestimmten Wind aus, sondern durch eine möglichst große Klimavielfalt auf einer Distanz von maximal 150 Metern. Denn es ist diese Klimadiversität, die positiv auf den Menschen wirkt.

Wenn diese Stadtklimadefinition schon seit 100 Jahren bekannt ist, warum orientieren sich die Stadtplaner dann nicht daran?

Das hat viele Gründe. Zum einen ist die Klimatologie noch nicht seit 100 Jahren, sondern erst seit jüngerer Zeit Bestandteil der Stadtplaner-Ausbildung. Zum anderen steckt aber in vielen Köpfen auch noch ein falsches klimatologisches Verständnis. Zum Beispiel die Vorstellung, dass sich der Kaltlufttransport über große Strecken vollzieht. In Berlin wird im Zusammenhang mit dem Gleisdreieck und dem Potsdamer Platz immer wieder diskutiert, dass eine relativ große Grünschneise, die sich bis an den südlichen Stadtrand hinzieht, in der Lage wäre, Frischluft und Kaltluft aus dem Umland ins Stadtgebiet hinein zu transportieren. Das ist nachgewiesenermaßen nicht der Fall.

Können wir dieses Problem mit einer verbesserten Ausbildung lösen?

Leider nur wenig, denn Planung ist Teil der Exekutive. Und ohne politische Vorgaben wird die Exekutive nicht handeln. Das sieht man auch beim Klimaschutz im Zusammenhang mit dem Klimawandel. Das ist auf der politischen Agenda, auch in Berlin, als „Stadtentwicklungsplan Klima“, der aber vor allem auf globalen Klimawandel ausgerichtet ist. Diese durchaus sinnvolle Zukunftsbetrachtung ignoriert aber leider, dass wir die meisten Probleme wie Hitzestress bereits heute haben.

Wie machen die sich konkret bemerkbar?

Wir haben kürzlich Ergebnisse aus Analysen für die Zeit von 2001 bis 2010 in der Fachzeitschrift DIE ERDE vorgestellt. In Berlin haben wir im Mittel über diese zehn Jahre pro Jahr 23 Tage mit Hitzestress festgestellt, die im Durchschnitt während vier sommerlicher Hitzeepisoden auftreten.

Nun konnten wir nachweisen, dass fünf Prozent aller Todesfälle in Berlin hochsignifikant mit erhöhten Sommertemperaturen korrelieren. Einen Trend zu höheren Lufttemperaturen gab es in Berlin in diesem Zeitraum nicht. Diese Todesfälle (ca. 1600 Tote pro Jahr) treten jeden Sommer auf, nicht nur in den Extremsommern. Das sind 25-mal mehr Tote, als durch Verkehrsunfälle in Berlin sterben. Der städtische Raum ist dabei höchstwahrscheinlich stärker betroffen als der ländliche. Die städtischen „Wärmeinseln“, die auch in der Nacht Temperaturen aufweisen, die um bis zu zehn Grad höher liegen als im Umland, sind ja seit Jahren bekannt. Dennoch steht auf der politischen Agenda in Berlin: mehr Wohnraum! Dabei gerät das Klima leider aus dem Blick. Es ist eben auch ökonomisch derzeit nicht relevant. Man verdient mit Klima (noch) kein Geld – aber mit Bauen.

Ist dann die Entscheidung gegen die Randbebauung auf dem Tempelhofer Feld auch auf Unwissen um diese Zusammenhänge zurückzuführen?

Sicherlich, denn eine Randbebauung hier hätte den Druck von den kleineren Freiflächen im Stadtgebiet genommen, die für klimatischen Ausgleich sorgen. Einige werden jetzt dem notwendigen Wohnungsbau zum Opfer fallen oder zumindest verdichtet werden müssen. Leider ist das auch darauf zurückzuführen, dass es beim Klima, anders als bei der Luftqualität, keine klaren Vorgaben und Grenzwerte gibt. Das wird auch nicht so schnell gehen, denn da ist noch ein erheblicher Forschungsbedarf. Damit befasst sich unter anderem auch unsere DFG-Forschergruppe „Stadtklima und Hitzestress“.

In diesem Fachartikel schreiben Sie auch über Unterschiede zwischen den Generationen …

Leider gibt es diesen Generationenkonflikt. Der jüngere Mensch freut sich über die Sommerhitze, geht zum Public Viewing, zum Schwimmen oder in den Park. Ältere, deren Mobilität oft sehr eingeschränkt ist oder die krank sind, finden nicht so leicht Gehör. Das ist auch ein ethisches Problem, denn oft wird der Hitzestress mit dem sogenannten „Harvesting-Effekt“ kleingeredet. Dieser sagt aus, dass die erhöhte Sterberate während sommerlicher Hitzeepisoden durch eine anschließend niedrigere Sterberate teilweise ausgeglichen wird. Das ist aber für Berlin nicht wissenschaftlich belegt. Wir wollen uns daher in unserem Projekt auch ansehen, ob dieser Effekt in Berlin existiert. Hinzu kommt, dass Ältere und Kranke nicht aus den Innenräumen fliehen können, die sich oftmals auch nachts nicht mehr abkühlen, selbst wenn es draußen kühler geworden ist. Durch die fehlende Erholungsphase sind sie dann noch anfälliger. Und das ist gar nicht in den Todesregistern registriert, da nahezu niemand direkt an Hitzestress stirbt, sondern an anderen Krankheiten.

Und welche Tipps haben Sie für den Sommer in der Stadt?

Wenn Sie jung und unbelastet von Krankheiten sind: den Sommer genießen. Wer krank ist und eingeschränkte Bewegungsmöglichkeiten hat, sollte auf jeden Fall viel trinken. Auch soziale Kontakte helfen, die Gesundheit in dieser Situation zu erhalten.

Vielen Dank!

Zur Person
Prof. Dr. Dieter Scherer leitet die DFG-Forschungsgruppe „Stadtklima und Hitzestress“ (UCaHS – Urban Climate and Heat Stress in mid-latitude cities in view of climate change)
www.ucahs.org

Das Gespräch führte Patricia Pätzold "TU intern" Juli 2014

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