direkt zum Inhalt springen

direkt zum Hauptnavigationsmenü

Sie sind hier

TU Berlin

Inhalt des Dokuments

Inhalt des Dokuments

Forschung

Der Erste Weltkrieg als Wendepunkt?

Freitag, 25. Juli 2014

Ein Forschungskolleg untersucht europäisch-vergleichend die Entwicklung und Radikalisierung des Antisemitismus auf dem Kontinent

Das St.-Julien-Monument von Ypres in Belgien ist ein beeindruckendes Denkmal gegen den Krieg. Die elf Meter hohe Granitsäule erinnert an die 2000 kanadischen Soldaten, die während des ersten Gasangriffes durch die Deutschen im April 1915 umkamen. Sie steh
Lupe
Lupe

Von Ulrich Wyrwa

Kaum ein Topos wird in der Fülle von Publikationen, Reden, Ausstellungen und Gedenkveranstaltungen zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkrieges so oft und so emphatisch zitiert wie die Wendung des amerikanischen Diplomaten George F. Kennan, der den Ersten Weltkrieg als die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet hatte. Welche katastrophalen Folgen der Erste Weltkrieg für die Geschichte des 20. Jahrhunderts hatte, zeigt sich nicht zuletzt in der vor allem in Ostmittel- und Zentraleuropa zu beobachtenden Radikalisierung des Antisemitismus. Insbesondere in Deutschland hatten Kriegserfahrungen und Fronterlebnisse einerseits sowie die Verweigerung, die eigene Kriegsschuld aufzuarbeiten, andererseits verhängnisvolle Wirkungen auf die Entstehung des Nationalsozialismus und die Ausprägung des nationalsozialistischen Antisemitismus.

Merkwürdigerweise wird aber kaum erörtert, wie und inwiefern der Krieg diese Wirkung auf die europäischen Gesellschaften hervorgerufen hat und welche Unterschiede in den verschiedenen europäischen Ländern auszumachen sind. Auch ist selten danach gefragt worden, ob der Krieg nicht vielleicht eher als Katalysator von Entwicklungen gewirkt hat, die bereits im 19. Jahrhundert angelegt waren. Ob nicht also der Krieg die bereits in den letzten Jahrzehnten des langen 19. Jahrhunderts angelegten Tendenzen in Hinblick auf den Antisemitismus lediglich verstärkt hat, ohne dass dieser eine neue Qualität angenommen hat. Bezüglich des Antisemitismus wäre in dieser Hinsicht etwa danach zu fragen, welche neuen Motive in der antisemitischen Agitation auftauchten und welche neuen semantischen Verknüpfungen in der Sprache des Antisemitismus in Erscheinung traten.

In Anbetracht des wirkungsmächtigen Schlagwortes von George F. Kennan ist ebenso wenig reflektiert worden, ob nicht auch die dem Krieg in Mittel- und Osteuropa folgenden Revolutionen und Konterrevolutionen mitverantwortlich waren für den katastrophalen Weg der europäischen Geschichte des kurzen 20. Jahrhunderts, respektive des im Holocaust kulminierenden nationalsozialistischen Antisemitismus. Für die Geschichte des Antisemitismus wäre somit zu fragen, ob nicht eher der historische Komplex „Revolution und Konterrevolution“ zur Verschärfung des Antisemitismus beigetragen hat.

Demokratisierungsschub und Krieg gegen die Zivilbevölkerung

Aus dem Blick gerät angesichts der einschneidenden Evidenz des Topos vom Ersten Weltkrieg als der Urkatastrophe schließlich die Tatsache, dass der Krieg zunächst einen nachdrücklichen Demokratisierungsschub in Zentraleuropa hervorgerufen hat, durch ihn zahlreiche Republiken in Mitteleuropa entstanden sind und in vielen Ländern die jüdische Bevölkerung nun in den Genuss jener Rechte gekommen ist, die ihnen vor dem Ersten Weltkrieg noch verwehrt waren.

Das spätere Scheitern der neuen Republiken war zunächst ebenso wenig absehbar wie die Herausbildung des nationalsozialistischen Antisemitismus in Deutschland. Ob und inwiefern der im 19. Jahrhundert als eine neue soziale und politische Bewegung in Erscheinung getretene Antisemitismus durch den Ersten Weltkrieg eine Radikalisierung erfahren hat, die den mörderischen Antisemitismus des nationalsozialistischen Deutschland erst möglich gemacht hat, und worin die Besonderheiten der Entwicklung in Deutschland lagen, kann nur unter europäisch-vergleichender Perspektive herausgearbeitet werden.

Daher werden in dem Forschungskolleg die Entwicklungen in ausgewählten europäischen Ländern daraufhin untersucht, ob, und wenn ja, wie es im Zuge des Krieges zu einer Radikalisierung des Antisemitismus kam. Gefragt wird zunächst nach der Kontinuität und Diskontinuität in der Entwicklung der Judenfeindschaft sowie nach der Rolle von Revolution und Konterrevolution in diesem Prozess. Schließlich wird dem Umschlag von demokratischem Aufbruch nach dem Ende des Krieges hin zu autoritären Regimen in Zentraleuropa und den damit zusammenhängenden neuen Erscheinungsformen des Antisemitismus nachgegangen.

Zur „Urkatastrophe“ wurde der Erste Weltkrieg vor allem deshalb, weil er von den ersten Kriegshandlungen an als ein Krieg gegen die Zivilbevölkerung geführt wurde. Diese neue Form militärischen Handelns trat schon mit der deutschen Besetzung Belgiens und den dort von deutschen Soldaten verübten Kriegsgräueln an der belgischen Zivilbevölkerung hervor, und sie zeigt sich gleichfalls beim Einmarsch des habsburgischen Militärs in Serbien. Für die Erfahrungen der europäischen Juden waren in dieser Hinsicht insbesondere die verheerenden Kriegserlebnisse an der Ostfront prägend. Die sich wieder und wieder verschiebenden Frontlinien verliefen quer durch jenen europäischen Raum, der die höchste jüdische Bevölkerungsdichte aufzuweisen hatte, Galizien und weite Teile des Ansiedlungsrayons, jene westlichen Provinzen des russischen Zarenreiches, in dem Juden allein sich niederlassen durften. Juden gehörten in diesen Gebieten in erheblichem Maße zu den zivilen Opfern des Krieges, und in diesem Zusammenhang nahm auch der Antisemitismus neue Formen an.

Vor allem im Inneren der Gesellschaft der Mittelmächte – jene Staaten, die eine entscheidende Verantwortung für den Ausbruch des Krieges trugen und die lediglich mit einem kurzen Feldzug gerechnet hatten – kam es im Zuge des sich hinziehenden und nicht endenwollenden Krieges zu einer neuen Aggressivität, die sich insbesondere gegen Juden richtete. Ihnen wurde vorgeworfen, sowohl Drückeberger als auch Kriegsgewinnler zu sein. Und in dem Maß, in dem der Krieg sich hin zog und die Ernährungslage desolater wurde, kam der Vorwurf des Schiebers und Schwarzhändlers hinzu.

Die Dolchstoßlegende

Waren diese Motive der Sprache des Antisemitismus schon in früheren Kriegen hervorgetreten, so tauchte mit der Niederlage der Mittelmächte im Krieg ein neues Element in der antisemitischen Agitation auf: Das Widerstreben weiter Teile der deutschen und österreichisch-ungarischen Gesellschaft, diese Niederlage einzu gestehen, und der Versuch, eine Erklärung für die desolate militärische Entwicklung zu finden, führten zur Erfindung der „Dolchstoßlegende“. Dieser Erzählung zufolge, die vor allem in Deutschland weite Verbreitung gefunden hat, war der innere Feind für die Niederlage der Mittelmächte verantwortlich, und zu diesen gehörten nicht zuletzt die Juden.

Darüber hinaus tauchte mit der bolschewistischen Revolution in Russland ein weiteres neues Motiv in der antisemitischen Rhetorik auf, das eine folgenreiche Wirkungsgeschichte hatte, der „Judeobolschewismus“.

Was schließlich den am Beginn des Zeitalters der Extreme in Erscheinung tretenden extremen Antisemitismus, der vor allem in Ostmittel- und Zentraleuropa zu beobachten war, auszeichnete, war die gesteigerte Aggressivität und Gewaltbereitschaft.

Trotz dieser Radikalisierung des Antisemitismus bestand die Ambivalenz der Situation darin, dass in den aus dem Erbe der Habsburgermonarchie hervorgegangenen neuen Staaten, ebenso wie in Deutschland, nach dem Krieg zunächst ein Prozess einer Demokratisierung einsetzte. Er kam zugleich den Juden zugute und brachte ihnen nun diejenigen Rechte, die ihnen zuvor noch verweigert worden waren. Welche Entwicklung die neuen Demokratien nehmen und wie sich der Antisemitismus in ihnen entwickeln würde, war zunächst indes noch offen. Dies zeigte für Deutschland etwa die Entwicklung des ,Reichsbanners‘, das zur größten Massenorganisation der Weimarer Republik wurde und zugleich auch den Kampf gegen den Antisemitismus zum Ziel hatte.

Verheerende sozialmoralische Folgen

Während die Kriegserfahrungen und verheerenden sozialmoralischen Folgen des Krieges ebenso wie die unverarbeitete Niederlage und das Revolutionserlebnis somit in den Mittelmächten zu einer Radikalisierung des Antisemitismus geführt hatten, schien sich in den Westmächten die antisemitische Agitation eher zu legen. Wiederum anders war die Entwicklung in Rumänien und Polen, die beide vom Ausgang des Krieges profitiert haben. Gemeinsam war beiden Ländern, dass sich nach dem Krieg in ihnen eine Minderheitenfrage stellte. Darüber hinaus hatte sich Rumänien, einer der großen Gewinner des Krieges, schon vor dem Krieg durch einen extremen Antisemitismus ausgezeichnet, der nun unmittelbar in den Aufbau des neuen, geografisch erheblich vergrößerten Staates einging. Für Polen wieder führten die gravierenden Probleme, die drei zuvor dem Habsburgischen und Russischen Imperium sowie dem Deutschen Reich zugehörigen Landesteile zu einem neuen Nationalstaat und in einer Republik zusammenzuführen, zu extremen Formen von antisemitischer Gewalt.

Antisemitismus als europäisches Phänomen

Das Ursprungsland des Antisemitismus in Europa war Deutschland, hier trat er erstmals in den Hep-Hep-Unruhen des Jahres 1819 als physische Gewalt in Erscheinung, hier ist im Jahr 1879 der die neue Form von Judenfeindschaft semantisch auf den Punkt bringende Begriff geprägt worden. Das Wort Antisemitismus ging daraufhin unmittelbar in alle Sprachen Europas ein, und der Antisemitismus wurde zu einem europäischen Phänomen. In nahezu allen Ländern Europas trat er in unterschiedlicher Stärke als eine neue soziale und politische Bewegung in Erscheinung.

Nicht der Krieg allein, sondern der von Weltkrieg, Revolutionen und Konterrevolutionen gebildete historische Knoten bildete dann den Wendepunkt in der Geschichte des Antisemitismus, und diese neue Phase zeichnete sich schließlich dadurch aus, dass nun deutliche Unterschiede in Westeuropa einerseits und Ostmittel- sowie Zentraleuropa andererseits hervortraten.

 
Das Forschungskolleg
Finanziert von der Berliner Einstein Stiftung, wird das Kolleg gemeinsam geleitet von den Professoren Werner Bergmann und Ulrich Wyrwa (TU Berlin/Universität Potsdam) in Zusammenarbeit mit den Professoren Jörg Baberowski (HU Berlin) und Uwe Puschner (FU Berlin). Promotionsprojekte: Hana C´opic´ (Serbien/ Jugoslawien), Karolina Filipowska (Polen mit Schwerpunkt Posen), Tamas Kohut (Ungarn), Marie Christin Lux (Frankreich), Anastasia Surkov (Russland und frühe Sowjetunion), Elisabeth Weber (Rumänien), Yasmina Zian (Belgien), Isabelle Daniel (Weimarer Republik, finanziert von der Heinrich-Böll-Stiftung), Carl Eric Linsler (Familienbiografie über die deutsch-französisch-jüdische Familie Frank im Ersten Weltkrieg, finanziert über das Leo Baeck Fellowship Programm), Matteo Perrisinotto (Italien, betreut in Kooperation mit der Universität Triest). In Vorbereitung: Thomas Stoppacher (Österreich, in Zusammenarbeit mit dem Centrum für Jüdische Studien der Universität Graz).

Zur Person
Prof. Dr. Ulrich Wyrwa ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam und seit 2012 zusammen mit Prof. Dr. Werner Bergmann wissenschaftlicher Leiter des internationalen Forschungskollegs "Die Radikalisierung des Antisemitismus in Europa (1914-1923)" am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. Von 2005 bis 2012 leitete er bereits das vorhergehende Forschungskolleg "Antisemitismus in Europa (1879-1914)"

Prof. Dr. Ulrich Wyrwa "TU intern" Juli 2014

Zusatzinformationen / Extras

Direktzugang

Schnellnavigation zur Seite über Nummerneingabe

Diese Seite verwendet Matomo für anonymisierte Webanalysen. Mehr Informationen und Opt-Out-Möglichkeiten unter Datenschutz.