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TU Berlin

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Forschung

Streitbar, unternehmerisch und patent

Freitag, 11. November 2011

Der Nachlass der Ingenieurprofessoren Franz Reuleaux und Alois Riedler wird an der TU Berlin erforscht

Reuleaux-Denkmal (1912)
Das 1912 errichtete Denkmal für Franz Reuleaux auf dem Campus der TH Berlin steht noch heute dort. Die beiden flankierenden Figuren sind nicht mehr vorhanden
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Die beiden Berliner Maschinenbauprofessoren Franz Reuleaux (1829-1905) und Alois Riedler (1850-1936) sind die vielleicht bekanntesten Ingenieurprofessoren des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Reuleaux tat viel für die kulturelle Integration der Technik. Er begründete die Kinematik als technisches Fach, aus der später die Getriebelehre hervorging. Riedler setzte sich für das Promotionsrecht und die Einrichtung von Maschinenlaboratorien an der Technischen Hochschule ein.

Beide waren streitbare Persönlichkeiten - Reuleaux mehr vornehm die Form wahrend, Riedler mehr aggressiv-polemisch. Reuleaux trat zweimal nach heftigem Streit aus dem Verein Deutscher Ingenieure aus, Riedler versuchte mit Unterstützung des Wissenschaftsministers, eine zweite Maschinenbaufakultät an der TH Berlin zu gründen, weil er die bestehende für nicht reformierbar hielt. Mit dem posthum errichteten großen Denkmal für Reuleaux und der Riedler anlässlich seiner Emeritierung verliehenen Würde eines Doktor-Ingenieurs ehrenhalber wollte die Hochschule nicht zuletzt das zwischen ihr und ihren beiden großen Professoren häufig geschwungene Kriegsbeil begraben.

Reuleaux und Riedler verfügten beide über ein ansehnliches Vermögen. Den aus einer Industriellenfamilie stammenden Reuleaux konnte die preußische Regierung 1864 nur mit Hilfe zweier Gehälter nach Berlin holen: eines als Professor und seit 1866 als Direktor der Gewerbeakademie, einer Vorläufereinrichtung der TH Berlin; das zweite als Mitglied der Preußischen Technischen Deputation, eine Art staatlicher Einrichtung zur Technologieförderung, die bis zur Gründung des Reichspatentamts auch die Aufgaben einer Patentbehörde ausübte. Zusätzlich bezog Reuleaux üppige Honorare als Verfasser zahlreicher wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Bücher und Aufsätze. Ein Renner wurde sein in mehreren Auflagen erscheinendes Handbuch "Der Konstrukteur". Seine Einnahmen erlaubten es ihm, 1890 ein nach eigenen Plänen errichtetes repräsentatives Haus in der Ahornstraße 2 im Westend zu beziehen.

Die Hochindustrialisierung, in der Reuleaux und Riedler wirkten, war eine Zeit dynamischer technisch-wirtschaftlicher Entwicklung, die zahlreiche Möglichkeiten innovatorischer und unternehmerischer Tätigkeit bot. Es lag nahe, dass die an der Front der Technikentwicklung wirkenden Ingenieurprofessoren sich daran zu beteiligen suchten. Reuleaux baute ein kleines Unternehmen für Uhren und Telegrafen auf, seine zahlreichen Patente zu Details von Mechanismen verwertete er nicht sehr erfolgreich. Sein größtes Investment war allerdings der größte Fehler seines Lebens. Um 1890 steckte er sein gesamtes Barvermögen - nach heutigem Geldwert ein Betrag von etwa zwei Millionen Euro - in das Mannesmann-Verfahren zum Walzen nahtloser Rohre. Als Kinematiker dürfte er von dem Verfahren fasziniert gewesen sein, und die Brüder Mannesmann hatten bei ihm studiert. Reuleaux trat in den Aufsichtsrat ein und akquirierte weitere Geldgeber. Hierzu gehörten die mit ihm befreundeten Werner Siemens und Eugen Langen, Besitzer der Gasmotorenfabrik Deutz, in der Nikolaus August Otto den Viertaktmotor entwickelt hatte.

Mit seiner hohen Einschätzung des Mannesmann-Verfahrens lag Reuleaux nicht falsch, aber die erforderlichen Entwicklungsanstrengungen schätzte er viel zu optimistisch ein. Letztlich dauerte es fast zwei Jahrzehnte, bis das Verfahren - Reuleaux war da schon tot - Gewinne abwarf. Auf dem Weg dahin waren mehrere Kapitalschnitte erforderlich, die Reuleaux' Einlage weitgehend entwerteten. Dies machte ihn zwar nicht zum armen Mann, veränderte aber seine Lebensverhältnisse grundlegend. In der Folgezeit kämpfte Reuleaux nicht zuletzt darum, das mit Hypotheken belastete Haus der Familie zu erhalten, ein Kampf, den er kurz vor seinem Tod 1905 verlor.

Alois Riedler errang dagegen größere wirtschaftliche Erfolge. Der aus einfachen Verhältnissen stammende Riedler bezog in den 1890er-Jahren an der TH Berlin das höchste Gehalt. Dieses dürfte jedoch nur ein kleines Zubrot zum Einkommen ausgemacht haben. Riedler bedingte sich nämlich 1888 bei seiner Berufung aus, an der Hochschule ein privates Ingenieurbüro einzurichten. Seine Spezialität waren Kolbenpumpen und Kompressoren, die mit von ihm patentierten Ventilsteuerungen ausgerüstet waren. Das Ingenieurbüro entwarf auf dieser Basis Pumpanlagen städtischer Wasserwerke, Wasserhaltungen für Bergwerke, Gebläseanlagen für Hochöfen und anderes mehr. Den größten Schlag landete Riedler um die Jahrhundertwende, als er seine Patente schnell laufender Pumpen für enorme Summen an die AEG und an die Augsburger Fabrik Rudolf Diesels verkaufte. Das Geschäft ließ sich gut an, brach aber nach einigen Jahren zusammen, weil die Firma Sulzer überlegene Radialpumpen auf den Markt brachte. Die finanziellen Verluste verblieben bei Riedlers industriellen Partnern. Riedlers finanzielle Lage dagegen war so glänzend, dass er der TH Berlin Maschinen und Anlagen im Millionenwert schenken konnte. Allerdings ging der größte Teil von Riedlers Millionenvermögen in der Inflationszeit nach dem Ersten Weltkrieg verloren.

Prof. Dr. Wolfgang König
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Prof. Dr. Wolfgang König, Fachgebiet Technikgeschichte, Mitglied von acatech, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften. Das Forschungsprojekt "Reuleaux und Riedler. Wissenschaft und Gesellschaft im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert" läuft seit 2010.

Wolfgang König / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 11/2011

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