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TU Berlin

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Campus Charlottenburg

Ein Platz mit rabiat verkürzter Geschichte

Freitag, 20. Januar 2012

Ernst Reuter-Platz mit zwei Fahrspuren 1960
Lupe

Der Ernst-Reuter-Platz ist ein einzigartiges Dokument der 1950er-Jahre, ein Manifest der autogerechten und aufgelockerten Stadt, ein Beispiel für den staatsdirigistischen Städtebau West-Berlins. Er ist aber auch ein außerordentlich starres Zeugnis, das ohne Weiterentwicklung den inzwischen veränderten gesellschaftlichen Herausforderungen an eine zukunftsfähige Stadt nicht mehr gewachsen ist.

Vom Knie zum Verkehrskreisel


Bis lange nach dem Zweiten Weltkrieg erstreckte sich an der Stelle des heutigen Ernst-Reuter-Platzes eine hochkomplexe Straßenkreuzung - das berühmte "Knie", das seit der Zeit um 1700 den Knick der axialen Verbindung zwischen den beiden Schlössern in Berlin und Charlottenburg vermittelte. Mit der rasanten Entwicklung der Großstadt Berlin gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Kreuzung komplexer: Auf Grundlage des Stadterweiterungsplans von James Hobrecht (1862) entstanden zwei neue Straßen: die Hardenbergstraße und die Marchstraße. Die Bebauung am Knie fiel weitgehend den Bomben des Zweiten Weltkrieges zum Opfer. Erst 1955 erarbeitete Bernhard Hermkes im Auftrag des Senators für Bau- und Wohnungswesen einen städtebaulichen Entwurf für die seit 1953 Ernst-Reuter-Platz genannte Stadtbrache. Schon 1950 war aus der Kurfürstenallee die Hertzallee geworden.

Der Entwurf von Bernhard Hermkes ist uns durch Modellfotos überliefert. Ausgangspunkt war ein Kreisverkehr um eine riesige Mittelinsel, auf der ein Wasserbecken mit Springbrunnen vorgesehen war. Um die Freifläche herum erhoben sich Solitärbauten in moderner Architektursprache. Auffällig war die Höhendifferenzierung: Ein Hochhaus beherrschte die Komposition, die zwei den Platz prägenden Dreier-Scheiben-Gruppen bildeten bescheidenere Hochbauten, die meisten weiteren Gebäude, die nicht direkt am Platz standen, waren deutlich niedriger.

Diese Komposition erlaubte keine Verschiebung der Gebäude, keine Abkehr von den geplanten Höhen, insbesondere erlaubte sie keine Anbauten. Jede Abweichung hätte das Gesamtkonzept gestört. Ihre Realisierung setzte eigentlich sozialistische Verhältnisse voraus, zumindest aber eine äußerst starke Senatsbauverwaltung. Interessant ist ein weiterer Aspekt: Die Komposition war rein formaler Art, Bauherren und Nutzer standen noch nicht fest, sondern mussten erst gesucht werden.

Die Bebauung des Ernst-Reuter-Platzes startete unabhängig von der Hermkes-Planung 1955 mit dem Komplex für die Fakultät Bergbau und Hüttenwesen nach Plänen von Willy Kreuer. Der Neubau war 1959 fertiggestellt. Ein dreigeschossiger Flachbau riegelte die Hertzallee ab und transformierte diese zu einem TU-internen Weg beziehungsweise Parkplatz. Das Osram-Verwaltungsgebäude wurde als zweiter Bau nach einem Entwurf von Bernhard Hermkes 1956-57 errichtet. Es folgte nach Plänen von Paul Schwebes und Hans Schoszberger 1958-60 das Haus der Elektrizität, auch Telefunken-Haus genannt, das mit seinen 80 Metern bis heute den Platz beherrscht. Seit 1968 nutzt es die TU Berlin, seit 1974 ist es auch im Besitz der Universität. Nach Plänen von Rolf Gutbrod baute man 1960-61 das IBM-Gebäude. Schließlich entstand 1960-62 das Büro- und Geschäftshaus der Rundfunkgroßhandlung Karl-Heinz Pepper GmbH nach Plänen von Franz-Heinrich Sobotka und Gustav Müller, der Flachbau diente als Bauzentrum Berlin.

Nach längerer Pause vollendete 1966-68 das Gebäude der Fakultät Architektur nach Plänen von Bernhard Hermkes das Dreischeibenmodell auf der Nordseite des Platzes. Es erhielt 1970 einen zusätzlichen Flachbau nach Plänen von Hans Scharoun, der allerdings nicht mehr dem städtebaulichen Konzept von 1955 entsprach. Erst Anfang der 1970er-Jahre entstanden das Raiffeisenhaus von Hans Geber und Otto Risse (1974) sowie das Fernmeldegebäude von Bernhard Binder (1972-74). Vor allem Letzteres markierte einen harten Bruch mit dem städtebaulichen Konzept von 1955.

Fühlbare Mängel eines Denkmals


Nicht nur die Gruppierung der Gebäude, auch der große Freiraum war Gegenstand eines umfassenden gestalterischen Konzepts. Werner Düttmann kontrastierte den Verkehrskreisel mit einem strengen Rasternetz, das mit seinen zehn mal zehn Meter großen Quadraten die Fußgängerbereiche und Teile der Insel überzog. Auf der Insel plante er zwei Wasserbecken mit 41 Springbrunnen. Die Insel wurde 1959-60 angelegt, der Fußgängertunnel, der diese Insel erschloss, wurde 1960 eingeweiht.

Der riesige, 4,8 Hektar große Ernst-Reuter-Platz ist vor allem ein Verkehrskreisel. Ursprünglich trafen sich dort die U-Bahn, Straßenbahnen, Autobusse, Privatautos, Fahrräder und Fußgänger. Noch 1960 fuhr dort die Straßenbahn und es gab nur zwei Fahrspuren. Der Platz wurde seither mehr und mehr zu einer gigantischen Autoverkehrsschleuse, ohne dass diese wirklich funktional war. Zudem führte der Vorrang des privaten Autoverkehrs zu Ampelschaltungen, die es Fußgängern kaum erlauben, die großen Straßen auf einmal zu überqueren. Selbst für Fahrradfahrer ist die Querung des Platzes alles andere als ein Vergnügen.

Auffallend ist weiter, dass man auf dem Platz das strenge Rasternetz von Werner Düttmann eigentlich gar nicht erleben kann, da es sich nur von oben her erschließt - ein typisches Beispiel einer Helikopterplanung. Die riesige Mittelinsel bietet in der wärmeren Jahreszeit Wasserflächen mit einem Springbrunnen, der mit großem Engagement wieder reaktiviert werden konnte. Diese ist aber schwer zugänglich und aufgrund des Verkehrslärms wie des Fehlens weiterer Angebote trotz ihrer zentralen Lage untergenutzt.

Die introvertierten Bauten für private Verwaltungen, aber auch für die TU Berlin erweckten von Anfang an den Eindruck einer gewissen Öde. Die ursprünglich frei stehenden Solitäre versprachen öffentlichen Raum, brachten aber vor allem Parkplatzflächen nach US-amerikanischem Vorbild. Heute stehen das Gebäude der ehemaligen Fakultät für Bergbau- und Hüttenwesen, das Osram-Haus, das Telefunken-Haus, das IBM-Haus, das "Pepper"-Haus und das Gebäude für die ehemalige Fakultät Architektur als Einzeldenkmale unter Schutz. Geschützt als Gartendenkmal ist auch die von Werner Düttmann gestaltete Platzanlage. Geschützt als Gesamtanlage sind weiter die Räume der U-Bahn. Darüber hinaus ist der von Hermkes geplante Platz insgesamt ein Denkmalbereich. Damit ist der Ernst-Reuter-Platz wie kaum ein anderer Ort umfassend mit Denkmalschutz gepanzert.

Starre, unantastbare Formeln vitalisieren

Die Bauten und die Platzfläche wurden vor allem in der Kernbauzeit zwischen 1955 und 1963 verwirklicht. Insofern kann man guten Wissens behaupten, der Platz wird im Jahr 2013 fünfzig Jahre alt. Der Platz, aber nicht der Ort! Heute erscheint der Ernst-Reuter-Platz als ein Platz ohne Geschichte und ohne Zukunft. Oder genauer: mit einer rabiat verkürzten Geschichte, denn nichts erinnert mehr an die gut 150-jährige Geschichte des Ortes vor der Anlage des Platzes. Der Ernst-Reuter-Platz tut sich aber auch mit seiner Zukunft sehr schwer, da es bislang nicht absehbar ist, wie dieser Platz aufgrund seiner starren und unantastbaren städtebaulichen Form vitalisiert werden kann.

Das größte Problem wie Potenzial betrifft die Freiflächen: die Fußgängerbereiche vor den Gebäuden, die Verkehrsspuren und die große Insel. Entscheidend ist der schrittweise Umbau der Verkehrsflächen. Denn der Verkehr wird sich verändern, der Fahrradverkehr und öffentliche Verkehr werden zunehmen, der heute den gesamten Platz belastende Autoverkehr wird verträglicher werden, die Spuren für den Autoverkehr können mittelfristig reduziert werden. Das wird den Eindruck des Platzes radikal verändern - ohne Abrisse und Neubauten. Eine Ahnung davon vermittelt das Luftbild des Platzes mit seinen wenigen Fahrspuren im Jahre 1960.

Wen und was aber soll der Ernst-Reuter-Platz in Zukunft repräsentieren? Drei der vier bedeutendsten Gebäude des Platzes werden von der TU Berlin genutzt, aber eigentlich merkt das keiner. Dieser Platz könnte der wichtigste Repräsentationsraum der TU Berlin sein, ist es aber nicht. Das muss verändert werden! Ja mehr noch, die in ihrer jetzigen Form wenig taugliche Mittelinsel sollte und könnte weit intensiver durch die TU Berlin belebt werden.

In den letzten Jahren wurde bereits viel an diesem Ort investiert. Der Platz wird aber nur dann eine Zukunft haben, wenn es gelingt, ihn über isolierte Einzelmaßnahmen hinaus umzubauen, ohne seinen besonderen Charakter zu opfern. Doch das ist eine Herkulesaufgabe. Um den Platz zukunftsfähig zu machen, bedarf es daher einer politisch von höchster Stelle gewollten und geförderten konzertierten Aktion. Dafür muss der Denkmalschutz nicht aufgegeben, wohl aber flexibilisiert werden.

Harald Bodenschatz, ehemaliger Leiter des Fachgebiets Planungs- und Architektursoziologie an der TU Berlin / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 1/2012

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