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TU Berlin

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„Diese Filme waren weltweit die ersten ihrer Art“

Freitag, 21. November 2014

Medieninformation Nr. 240/2014

In ihrem neuen Buch „Vom Faustkeil zur Handgranate“ dokumentiert Bénédicte Savoy die vergessenen Dokumentarfilme über die Berliner Museen und ihre Sammlungen

Als die Bilder laufen lernten, hinterließen sie leere Museen. Anziehender als Gemälde, Statuen und hinter Glas verschlossene Artefakte und Zeugnisse untergegangener Epochen war das Kino geworden mit seinen im wahrsten Sinne des Wortes bewegten Geschichten. Das damals neue Medium Film elektrisierte seit 1895 die Bevölkerung. Die „Kathedralen der Kunst“ – sie langweilten. Vor diesem Problem standen auch die Berliner Museen Anfang des 20. Jahrhunderts. Um der Museumsverdrossenheit etwas entgegenzusetzen, sannen die Berliner Museen danach, den Film in ihre Dienste zu stellen. Es war die Geburtsstunde zahlreicher Dokumentarfilme über die Berliner Museen und ihre Sammlungen und damit einer neuen Gattung – des Museumsfilms.

„Diese Filme waren weltweit die ersten ihrer Art, aber sie sind so gut wie vergessen“, sagt Prof. Dr. Bénédicte Savoy, Kunsthistorikerin an der TU Berlin. Mit ihrem neuen im Böhlau-Verlag erschienenen Buch „Vom Faustkeil zur Handgranate. Filmpropaganda für die Berliner Museen 1934–1939“ hat sie sich diesem vollkommen vergessenen Aspekt Berliner Museumsgeschichte gewidmet und eine erste Rekonstruktion der Filme unternommen. Bei ihrer Recherche sind ihr erstaunliche Funde gelungen.

In ihrer Studie listet Bénédicte Savoy auf, welche Filme entstanden, beschreibt, was sie zeigen, untersucht, welches Anliegen sie verfolgten und welche brisanten ästhetischen Fragen die Dokumentarfilme in der Museumsfachwelt damals auslösten und vor denen, wie die Kunsthistorikerin am Ende ihres Bandes feststellt, die Museen auch heute wieder stehen – angesichts der vielen technologischen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters.

Begonnen hatte die Geschichte der Museumsfilme 1919. Der junge Kunsthistoriker Hans Cürlis, den der Film als neues künstlerisches Mittel faszinierte, wandte sich mit der Idee, Plastiken filmisch in Szene zu setzen, an das Völkerkundemuseum, so Savoy. Sein Motiv: „die ewige Welt der bildenden Kunst an die Massen heranzubringen“, zitiert sie Cürlis. Die Berliner Museen, neben dem Völkerkundemuseum auch das Kaiser-Friedrich-Museum (das heutige Bode-Museum) und das Museum für Ostasiatische Kunst, wagten das Experiment und gaben ihm eine Drehgenehmigung. Es entstanden neun Stummfilme, in denen etwa 50 Skulpturen gezeigt wurden. Ausfindig machen konnte Savoy die Filme nicht, aber bei ihren Recherchen war sie auf die umfangreiche „Sammlung Cürlis“ in der Deutschen Kinemathek in Berlin gestoßen. Zu ihr gehört ein Fotoalbum mit Standbildern aus diesen Filmen.

Kunstschätze mit dem neuen Medium Film anders in Szene zu setzen als dies ein Museum vermag – dieser Ansatz war für die Museumsdirektoren dann aber doch zu avantgardistisch. Sie lehnten die Filme ab.

Zum „Verbündeten des Museums“ und ein Mittel zur „Popularisierung der Museen“, so Savoy, wurde der Film zehn Jahre später. „Ich erachte es für einen Fehler, wenn wir die technischen Errungenschaften von ‚den heiligen Hallen der Kunst‘ fernhalten wollen. Der Film ist eine … Sache, die im Kunstmuseum von großem Nutzen sein kann“, zitiert sie den Direktor des Provinzialmuseums in Hannover Alexander Dorner im Jahr 1928. Es entstand der dokumentarische Kurzwerbefilm „Besucht Eure Museen!“. Ab jetzt nutzten die Museen den Film als moderne Werbetechnik, um für sich als Institution und ihr Produkt Kunst Reklame zu machen und die Bevölkerung wieder in die Museen zu locken.

Eine nächste Zäsur für den Museumsfilm macht Savoy 1933 mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten aus. Im Sinne nationalsozialistischen Gedankenguts zur Heroisierung deutscher Kultur sollten die deutschen Museen „als Keimzelle einer neuen Kulturgemeinschaft“ ein „neues Gesicht“ bekommen. Sie sollten mit fesselnden Sonderausstellungen und durch den Einsatz des Films modernisiert werden. Um die Steigerung der Besucherzahlen ging es auch. Welche Rolle dem Film von den Nazis beigemessen wurde, zeigt sich auch in der „Anordnung zur Förderung des Kulturfilms“ von 1934. Neben Werbung, Wochenschau und Hauptfilm musste auch ein sogenannter Kulturfilm gezeigt werden. Der hatte künstlerisch, „volksbildend“, kulturell oder „staatspolitisch“ wertvoll zu sein, um von der Filmprüfstelle zugelassen zu werden. Die Filmemacher selbst bewegten sich im Spannungsfeld cineastischen Experimentierens und nationalsozialistischer Propaganda. Zu diesen Filmen gehört der 1936 gedrehte Tonfilm „Vom Faustkeil zur Handgranate“, über den Bénédicte Savoy schreibt, dass er sich einerseits einer avantgardistischen Objektästhetik bediente, aber auch „als ein Beitrag zur damals unablässig propagierten Wehrertüchtigung“ angesehen werden müsse.

Mit der Präsentation der Berliner Museumsfilme auf der Weltausstellung 1937 in Paris erreichte das Genre einen neuen Schub sowie internationale Bedeutung und Verbreitung.

Einhergehend mit dem Pariser Erfolg konstatiert Savoy den Beginn einer kritischen Diskussion in Deutschland darüber, ob der Film der bildenden Kunst überhaupt gerecht werden kann, er dem Zuschauer wirklich einen ästhetischen Genuss bietet und das probate Mittel ist, wieder Begeisterung bei der Bevölkerung für das Museum zu wecken. Gestritten wurde darüber, ob die Kunstwerke und Museen dieses Helfers bedürfen oder man nicht auf die „stille Macht des Originals“ vertrauen sollte.

Bénédicte Savoy schließt ihre Studie mit dem Satz: „Ob sich heute durch den Einsatz von Medien die Sensibilität für die Würde von Museumsobjekten wirklich wecken lässt, bleibt weiterhin die Frage.“

Als Mitkuratorin der diesjährigen Pariser Ausstellung über die Brüder Humboldt „Les frères Humboldt. L’Europe de l’esprit“, hatte sie ganz auf die Faszination des Originals gesetzt und auf den Einsatz multimedialen Equipments verzichtet.

Bénédicte Savoy, „Vom Faustkeil zur Handgranate. Filmpropaganda für die Berliner Museen 1934–1939“, Böhlau Verlag Köln, Weimar, Wien, 160 Sei-ten, 24,90 Euro; ISBN 978-3-412-22295-6

sn

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:

Prof. Dr. Bénédicte Savoy
TU Berlin
Fachgebiet Kunstgeschichte
Tel.: 030/314-25014 (Sekr.)

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