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TU Berlin

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Forschung

Hightech braucht „No-Tech“

Was mit Ethnografie über Digitalisierung und Zusammenarbeit zu erfahren ist

Um die Perspektive der Beschäftigten zu erfassen, schlüpft Frauke Mörike aus ihren leichten Sneakers in die Stahlkappenschuhe
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Stahlkappenschuhe, Ethnologie, Digitalisierung – das soll etwas miteinander zu tun haben? „Ja“, sagt Frauke Mörike und muss über den ungläubigen Ton, der in der Frage mitschwingt, erst einmal schmunzeln. Die Ethnologin und Wirtschaftsinformatikerin forscht am Fachgebiet Arbeitswissenschaft von Prof. Dr. Markus Feufel zu der Frage, wie die Digitalisierung die Zusammenarbeit der Beschäftigten in einer Firma verändert. Um die Auswirkungen digitaler Technologien aus der Perspektive der Beschäftigten erfassen zu können, nutzt sie einen methodischen Ansatz aus der qualitativen Sozialforschung, die Ethnografie. Die sogenannte „teilnehmende Beobachtung“ bei der Feldforschung versetzt sie in die Lage, ganz nah am Arbeitsalltag der Menschen zu sein. „Ethnografie”, sagt Dr. Frauke Mörike, „beschreibt man auch als ‚walking a mile in the shoes of others‘, also das zeitweilige Hineinschlüpfen in die Schuhe eines anderen. Und das habe ich buchstäblich erlebt.“
14 Tage lang tauschte sie jeden Morgen um 6 Uhr ihre geliebten leichten Sneaker gegen schwere Stahlkappenschuhe, ohne die sie die Werkhallen eines mittelständischen Metallbaubetriebs in Süddeutschland nicht hätte betreten dürfen. So „beschuht“ wich sie den Beschäftigten von Schichtbeginn bis Schichtende nicht mehr von der Seite. Sie stand neben ihnen an ihren Maschinen, blickte ihnen beim Programmieren der nächsten Arbeitsschritte über die Schulter, war bei der Zigarettenpause mit dabei und hörte zu beim Plausch unter Kolleginnen und Kollegen.
Die teilnehmende Beobachtung ermöglicht es ihr, die unausgesprochenen Regeln und verborgenen Codes etwa zum Thema Zusammenarbeit in einem Unternehmen aufzuspüren. Wieso dies wichtig sein kann? „Den Studierenden erkläre ich das immer am Beispiel der Kaffeetasse auf dem Schreibtisch meiner Gesprächspartner. Ob die als Geschenk der Firma vergebene Tasse dort steht oder die private mit dem Spruch ‚Das schönste am Job ist, dass sich der Stuhl dreht‘, ist vielleicht ein Indiz dafür, inwiefern die Firmenphilosophie von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern angenommen wird, oder ob eher eine ironische Distanz besteht, die für technologische Veränderungen eine Herausforderung bedeuten könnte. So etwas bekomme ich durch Fragebögen nicht heraus, sondern nur, wenn ich vor Ort bin“, erläutert Frauke Mörike. „Ethnologie, die Wissenschaft vom kulturell Fremden, wird meistens mit der Erforschung unbekannter ethnischer Gruppen in fernen Ländern assoziiert. Aber für mich als Wissenschaftlerin ist die Organisationsstruktur eines Unternehmens erst einmal genauso fremd. Deshalb eignen sich diese Methoden eben auch für meine Untersuchungen, etwa wie die über Digitalisierung und Zusammenarbeit.“
Was sich Frauke Mörike im Zusammenhang mit der Frage, wie die Digitalisierung die Zusammenarbeit verändert, in dem mittelständischen Unternehmen bot, war so ganz anders als sich der vielbeschworene Aufbruch in das Zeitalter von Industrie 4.0 mit einer allumfassenden digitalen Vernetzung oft in den Medien darstellt. Denn auch wenn in der Firma zahlreiche Arbeitsbereiche bereits digitalisiert waren, spielte auch die nicht-digitale Kommunikation noch immer eine wichtige Rolle. So staunte sie nicht schlecht, dass die Verständigung zwischen Produktions- und Verwaltungsabteilungen bei dringenden Aufgaben über eine gelbe Karte lief. Wurde diese Karte in die Hand einer Dekofigur im Büro geklemmt, signalisierte das: Achtung, ein Eilauftrag ist zu bearbeiten. Auf diesen Kniff waren die Mitarbeitenden gekommen, nachdem sie festgestellt hatten, dass Eilaufträge zwischen der Fertigstellung in der Produktion und der Auftragsbearbeitung in der Verwaltung zu lange liegen blieben. Da die im IT-System verfügbaren Priorisierungsmöglichkeiten nicht dieselbe Alarmwirkung hatten, bedienten sich die Mitarbeitenden der gelben Karte, um den Prozess zu beschleunigen. Eine ähnliche Strategie hatte sich auch in der Produktionshalle bewährt, wo ein weißes Fähnchen anzeigte, dass fertig bearbeitete Produktteile an einer für den Produktionsprozess wichtigen Maschine bereitliegen. Frauke Mörike beobachtete, dass besonders in Stresssituationen vermehrt auf solche „NoTech“-Lösungen zurückgegriffen wurde, um reibungslos zusammenzuarbeiten.
Je länger sie mit den Beschäftigten sprach, umso mehr kristallisierte sich heraus, dass die Belegschaft sich vor allem mehr Partizipation im Digitalisierungsprozess wünschte, um zum Beispiel die Aufgaben der anderen Kolleginnen oder Kollegen besser zu verstehen und Kommunikationsbarrieren abzubauen. Mörikes Gesprächspartner*innen stellten dazu differenzierte Überlegungen an, an welcher Schnittstelle analoge Kommunikation effizienter ist als digitale und umgekehrt.
„Die Erkenntnisse aus einer solchen Feldforschung erlauben ein besseres Verständnis darüber, wie das Zusammenspiel von analogen ‚No-Tech‘- und digitalen ‚Hightech‘-Lösungen aus der Perspektive der Beschäftigten gestaltet werden kann“, so Frau Mörike. Daraus ließen sich die Anforderungen an Informationsflüsse erkennen und zielgerichtet zukünftige digitale Antworten ableiten. Flexible Kommunikationsprozesse dürften nicht von statischen Digitalisierungslösungen unterbunden werden. Denn es deute viel daraufhin, dass die „No-Tech“-Lösungen von heute ein Schlüssel für die Entwicklung der smarten „Hightech“-Lösungen von morgen seien.

Sybille Nitsche, "TU intern" Juli 2019

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