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TU Berlin

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Leserbrief zum Artikel

Dienstag, 02. Juni 2009

Kritische Anmerkung zum Artikel "Ganztagsschulen als Pflichtschulen" von Prof. Dr. Gert G. Wagner

Sehr geehrte Damen und Herren,
an der Überschrift war schon vorab klar, dass der Artikel bzw. der Autor  eine geistige Schlagseite besitzt. Ich spreche als direkt Betroffener, als Lehrer, von der "Front" mit dem teilweise geistigen Schrott, was an den Schulen an- und abgeliefert wird. Es geht ums Geld und um ein neues Schulsystem.

Über Ersteres, eine finanzielle "Grundsicherung" oder andere Modelle einer
sinnvollen, nachhaltigen finanziellen Unterstützung von Schülern und Studenten, ließe sich ja noch mit dem Autor diskutieren, zumindest andiskutieren. Jedem dürfte inzwischen klar sein, dass die BAföG-Regelung unzulänglich ist. So müssen die eigenen Eltern erst bettelarm sein, um in den Genuss der Ausbildungsförderung zu kommen. Die BAföG-Beträge bei Mittelverdienern sind lächerlich. Sinnvoll wäre eine Art Sockelmodell mit zusätzlichem Bedarfszuschuss nach verschiedenen Kriterien usw.

Nun zum Interessanten. Nicht nachvollziehbar sind die einseitig vorgebrachten Sorgen des Autors hinsichtlich der Folgen einer Grundsicherung. Fakt ist, dass Kinder aus einkommenschwachen Famlien, nicht nur aus Sozialhilfe-/HartzIV-haushalten(!!), an den höheren fortbildenden Schulen und Hochschulen unterrepräsentiert sind. Mit der "bösartigen" Unterstellung, eine pauschale Grundsicherung würde die Geburtenzahl von gering qualifizierten arbeitslosen jungen Frauen erhöhen, disqualifiziert sich der Autor ins Abseits. Richtig ist, dass Geld nicht alles ist und kein Allheilmittel für einen sog. "sozialen Aufstieg", und dass nur (Migranten-)Frauen Kinder gebären können. Zu Letzterem bedarf es aber, auch bei Alleinerziehenden, des männlichen Geschlechts. Hat der Autor überhaupt eine Größenvorstellung? Selbst mit einem Betrag von 500 EUR wird niemand reich, auch nicht mit sieben Kindern wie bei unserer "vorbildlichen" Familienministerin mit Kindermädchen. Absolute oder auch nur angenäherte Chancengleichheit wird es nie geben, aber mit direkter finanzieller Unterstüzung wird ein individuelles Recht auf Bildung mit mehr Chancengleichheit gestärkt. Ich will hier nur zwei Beispiele geben: die Anschaffung von Schulbüchern, insbes. Mathematik und Fremdsprachen, die für die ganze Schulzeit zum Wiederholen und Vokabellernen benötigt werden, sowie Bücher/Skripten etc. für das Studium. Hat der Autor jemals Fachbücher aus der eigenen Tasche bezahlt?

Die dreiste Behauptung, eine Grundsicherung wäre der falsche Weg für mehr Chancengleichheit etc. , und dies mit irgendeiner Dissertation an der Univ. Essex zu begründen, entbehrt jeglicher Grundlage, ebenso die Schlussfolgerung, "Kinder, die das Abitur nicht geschafft haben, hätten von einer Grundsicherung gar nichts(außer dem Geldbetrag in der Tasche)". Zumindest haben sie den MSA und die nachfolgenden Klassen geschafft und ev. das Fachabitur als Zulassungsvoraussetzung für Fachhochschulen. Soll man sie deswegen beschreiben? Die "geistreiche" Forderung nach Abschaffung der Hauptschulen hört
sich so an, als ob mit der Abschaffung von Haftanstalten es keine Straftäter mehr gäbe und das Problem gelöst sei. Wer meint, alle Schüler in einem Haufen in Ganztagsschulen, wie sie augenblicklich existieren, zu stecken, ohne die Ganztagsschulen als zukünftige "Pflichtschulen" grundlegend zu reformieren und auch bautechnisch zu erweitern, hat überhaupt nichts von der Schulproblematik verstanden. Da fängt es an bei der notwendigen Reduzierung der Klassenstärke bis zum Föderunterricht für Lernschwache. Selbst der Berliner Senat mit Bildungssenator Zöllner hat die Schulproblematik immer noch nicht richtig verstanden. Hier geht es nur ums Geld, nicht um mehr Bildung und Chancengleichheit. Bei dem Gedanken, dass es nur noch eine Art von Pflichtschulen geben soll, wird einem Übel. Diese ganztäglichen Pflichtschulen in der heutigen unzulänglichen desaströsen Struktur sind Totengräber von Individualismus, Kreativität und Leistungswillen. Ich denke da nur an potentielle Studierwillige. Wenn der Autor mit seiner gleichmacherischen Schlussbemerkung fordert, Ganztagsschulen seien ein viel besserer Weg zur Verbesserung der Chancengleichheit, warum geht er zu einer Lösung des Grundübels nicht gleich konsequent einen Schritt weiter, Kinder aus Sozialhilfehaushalten von ihren "Eltern, die nicht regelmäßig arbeiten und dennoch über die Runden kommen", aufgrund deren schädlichen Vorbildfunktion etc. zu trennen und von "gut ausgebildeten" Ersatzeltern oder gleich von Erziehern in Kitas auf- und erziehen zu lassen. Der Artikel zeigt mal wieder deutlich, dass Leute dort mitreden wollen, wo sie keine Ahnung haben.

Mit freundlichen Grüßen
Stefan Höfter

PS: An die Redaktion: Haben Sie den Artikel vorab gelesen?

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