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TU Berlin

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Literatur

Das Walter-Höllerer-Experiment

Montag, 16. Juli 2007

Von Norbert Miller

Als vor langen Jahren, vor Mauerbau und Maueröffnung, der Frankfurter Privatdozent der Deutschen Philologie Walter Höllerer den Ruf an die Technische Universität Berlin annahm, schrieb er an den Dekan der Humanistischen Fakultät: "Spektabilität - soweit es auf mich ankommt, ich würde es begrüßen, an einer Technischen Universität lehren zu können." In lakonischer Verkürzung, die nur scheinbar ein ungebrochenes Ja zur Einordnung in ein für die Geisteswissenschaften ungewohntes Fächerspektrum signalisierte, entwarf Höllerer in diesem Satz seine Vision einer Lehrtätigkeit im Zusammenwirken der Disziplinen an einer Technischen Universität. Soweit es auf mich ankommt - das meinte Bereitschaft zu gemeinsamer Forschung, zu einer neuen Einstellung den Phänomenen gegenüber, die sich aus dem Zusammenbruch der alten Hierarchien und aus der Internationalisierung des naturwissenschaftlichen und technischen Fortschritts für das Bewusstsein ergaben. Das meinte aber auch Skepsis, da Walter Höllerer die gleiche Bereitschaft nicht selbstverständlich bei seinen Gesprächspartnern voraussetzte.

[…] Walter Höllerer war 1959 bereits ein berühmter Mann. In der Gedichtsammlung "Der andere Gast" und in seinen Aufsätzen hatte er aus den Sprachgesten und Sprechgewohnheiten auf die tief greifenden Veränderungen in der Nachkriegsgesellschaft geschlossen. In seiner Lyrik-Anthologie der Jahrhundertmitte mit dem mehrdeutigen Titel "Transit" hatte er ein erstes Panorama jener Welten aus Sprache entworfen, das ihn als Vision ein Leben lang begleitete. 1954 hatte er die bis heute führende Literaturzeitschrift "Akzente" gegründet und war so, obwohl der Eigenbewegung von Theorien misstrauend, zum Theoretiker der literarischen Avantgarde geworden. […]

Die humanistische Fakultät war 1946 gegründet worden. Damals hatte der britische Stadtkommandant die Wiedereröffnung der Technischen Hochschule Berlin als Technische Universität an diese Neueinrichtung gebunden. Die Universität habe sich um eine echte Erziehung, nicht nur um die Vermittlung technischen Wissens zu kümmern. Deshalb müssten die Geisteswissenschaften unabdingbar zum Curriculum der Studenten gehören. […] In diese Konstellation trat Höllerer 1959 ein. Er gründete das Institut für Sprache im technischen Zeitalter und eine gleichnamige Zeitschrift, die als Diskussionsforum nach außen gedacht war. […] Das Gespräch in der Universität war, von der Lehre aus, über die Fächergrenzen hinweg eröffnet. Zu den Vorlesungen und Veranstaltungen strömten Dozenten und Studenten gemeinsam. Die Avantgarde der Literatur folgte begeistert den Einladungen in den Hörsaal 3010 oder kam in die Seminare und Diskussionen. Die Wirksamkeit dehnte sich rasch auf die Stadt aus. Unter dem Eindruck des Mauerbaus wurde die neu gegründete Institution des "Literarischen Colloquiums" in der Carmerstraße und am Wannsee, wurden die literarischen Großveranstaltungen in der Kongresshalle und die Ausstellungen in der Akademie der Künste am Hanseatenweg zu Bausteinen einer eigenen, der Weltöffentlichkeit zugewandten Westberliner Identifikation. Die engen Verbindungen zwischen den literarischen und künstlerischen Zentren der Stadt und der Technischen Universität blieben im Übrigen bis heute in gleicher Intensität erhalten. In der TU selbst erweiterte sich die humanistische in eine philosophische Fakultät, und das in konsequenter Weiterführung der ursprünglichen Intentionen: Der erste Lehrstuhl für Linguistik wurde mit Klaus Baumgärtner optimal besetzt, die Neuberufungen in der Geschichte mit Ernst Schulin und in der Musikwissenschaft mit Carl Dahlhaus verliehen dem Experiment Höllerer Glanz und Verbindlichkeit. […] Wenn heute die TU vor einer Neuorientierung steht, die eine Reform an Haupt und Gliedern auf die Sparzwänge des Senats zu gründen hat und auf den von der Politik ausgerufenen, in meinen Augen kindischen Planungswettbewerb unter den Universitäten, dann hat in dieser Konstellation Walter Höllerers erfolgreich improvisierter Wissenschaftsansatz keinen Platz mehr. Das Experiment scheiterte freilich nicht in den letzten paar Jahren, auch nicht in den Mai-Unruhen des Jahres 1968 und in den von dort ausgehenden Auseinandersetzungen um die gesellschaftliche Rolle der Universität. Das Experiment war innerlich schon viel früher an seine Grenzen geraten, als die Natur- und Technikwissenschaften einerseits, die breit ausgebauten Geisteswissenschaften andererseits auf das oktroyierte Studium generale verzichtet hatten.  […] Dass der Präsident der Technischen Universität Berlin sich mit Nachdruck für eine Wiederbesetzung der einst von Walter Höllerer eingenommenen Stelle eines Literarhistorikers ausgesprochen hat, der zur Avantgarde und zu den literarischen Institutionen des Landes die Beziehung halten kann, ist ein gutes Zeichen für die Zukunft der verbliebenen Geisteswissenschaften an dieser Universität. Mit der von Jürgen Starnick ins Leben gerufenen Walter Höllerer Lecture bekennen sich die Freunde und Förderer der TU zu dessen Experiment. Ich freue mich besonders, dass es uns bei dieser ersten Vorlesung gelungen ist, mit Peter von Matt, bis vor einem Jahr Ordinarius der Züricher Universität, Träger des Sigmund Freud Preises der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und Mitglied im Orden Pour le Merite, nicht nur einen Gelehrten höchsten Ranges zu gewinnen, sondern auch einen Essayisten, einen kühnen und amüsanten Deuter der Zusammenhänge zwischen Innenwelt und Außenwelt, wie es so leicht keinen zweiten geben wird. "Glück im Kosmos. Glück in der Literatur" - ist es nicht das Versprechen auf ein neues Experiment?

Quelle: "TU intern", 7/2007

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