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TU Berlin

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Das "Berliner Tutorenmodell"

Artikel von Michael Pleßner

Um Studienanfänger/-innen den Übergang von der Schule zur Universität zu erleichtern, wurden 1951/52 erstmals am Friedrich-Meinecke-Institut der FU Berlin Tutorien eingerichtet. Studierende höherer Semester berieten in kleinen Gruppen ihre neuimmatrikulierten Kommiliton/-innen bei der Studienplanung, Bibliotheksbenutzung, bei der Vor- und Nachbereitung von Lehrveranstaltungen und verdeutlichten an Beispielen die Technik des wissenschaftlichen Arbeitens. Sie halfen so, die Kontakte der Studierenden untereinander zu fördern und sie mit der Arbeit der Institute vertraut zu machen. Nach diesem Vorbild, das von der Ford Foundation finanziell unterstützt wurde, entstanden auch an anderen Instituten Tutorengruppen. Neben den gemeinschaftsfördernden Beratungsgruppen für Studienanfänger/-innen entstanden Tutorien, die lehrveranstaltungsergänzend Themengebiete von Seminaren und Vorlesungen vertieften, und lehrplanergänzende Tutorien, in denen selbständig frei gewählte Inhalte bearbeitet wurden. Die Arbeit wurde fachlich von Beauftragten des Instituts betreut. In gemeinsamen Diskussionen mit Professor/-innen, Assistent/-innen, Tutor/-innen und Studierenden über Lehrziele, -inhalte und -methoden wurden Erfahrungen ausgetauscht, die Veranstaltungen aufeinander abgestimmt und Impulse für eine Studienreform gegeben.

  • Durch die eigenverantwortliche Wahl von inhaltlichen Schwerpunkten werden fachliche Autonomie und Motivation gefördert.
  • Eine rein rezeptive Lernhaltung und passives Konsumieren vorgegebener Lerninhalte wird durch aktive Mitarbeit ersetzt. Durch unmittelbare sachliche Bestätigung bzw. Korrektur (Rückmeldung) werden Lernfortschritte bekräftigt und Lernschwierigkeiten erkannt.
  • Die Anonymität und Isolierung innerhalb einer Massenuniversität werden verringert: In der Kleingruppe können persönliche Kontakte geknüpft, anfängliche Orientierungsschwierigkeiten überwunden und Prüfungsängste abgebaut werden.
  • Die Bereitschaft und Fähigkeit zu Kommunikation und Kooperation wird gefördert. Die Studierenden lernen, eigene Arbeitsergebnisse anderen verständlich mitzuteilen und deren Kritik zu verwerten. Teamarbeit wird nicht nur proklamiert, sondern praktisch erprobt, so dass ihre Vorteile und Grenzen deutlich werden.
  • Durch selbständige Anwendung von Methoden, Modellen und Theorien auf reale Problemstellungen werden methodische Sicherheit und methodenkritisches Bewusstsein verstärkt.
  • Durch eigenverantwortliche Aufgabenverteilung innerhalb der Kleingruppe können vielseitige Arbeitstechniken erlernt und eine stabile Leistungsbereitschaft unterstützt werden.
  • Eine wenig reglementierte Arbeitsatmosphäre lässt Raum für originelle Problemlösungen und fördert die Kreativitätsentfaltung.
  • In interdisziplinären Projekten werden die Grenzen des eigenen Fachgebietes verdeutlicht und Interesse für fachübergreifende Fragestellungen geweckt.
  • Die Fähigkeit zum sozial verantwortlichen Handeln wird gefördert, wenn Fachprobleme nicht isoliert betrachtet, sondern deren gesamtgesellschaftliche Folgewirkungen in die Erörterung mit einbezogen werden.

Es verwundert nicht, dass ein stetiger Ausbau des Tutorenwesens an FU und TU folgte. Der Präsident der FU formulierte 1972 als Zielsetzung:
,,Das Tutorenprogramm dient der ständigen Hochschulreform durch Erprobung und Entwicklung neuer Strukturen, Organisationsformen, Lehrmodelle und Ausbildungsgänge in Kooperation aller am Lernprozess Beteiligten. Ziel der Tutorenarbeit ist es, die Ausbildung der Studenten zu selbständigem, kritischem Denken durch wissenschaftliches Arbeiten zu fördern. Sie liegt also nicht darin, durch bloß organisatorische Maßnahmen die Relation von Lehrpersonal und Studenten zu verbessern." (Der Präsident der FU, Vorlage zur Beschlussfassung für die 167. Sitzung des Kuratoriums der FU Berlin am 14.2.1972).

Die Bedeutung des Tutorenwesens für die TU wurde 1972 vom damaligen Präsidenten wie folgt beschrieben:
,,Die Einführung des studentischen Tutors ist vielleicht die wichtigste strukturelle Änderung im Bereich der Lehre seit dem Kriege. Sie hat sich allgemein durchgesetzt und ist insbesondere in den Massenfächern aus dem Universitätsalltag nicht mehr wegzudenken. Die inzwischen ebenfalls weitgehend anerkannte Schwerpunktverlagerung von der großen Vorlesung zur Arbeit in kleinen Gruppen wäre ohne den Einsatz studentischer Tutoren nicht möglich gewesen und wird auch in Zukunft selbst bei noch so großzügiger Erweiterung des hauptberuflichen Lehrkörpers anders nicht möglich sein." (Dr. Alexander Wittkowsky, bis 1977 Präsident der TU; Tutorenbericht, 15.9.1972). Die Berliner Erfahrungen ermutigten auch andere Universitäten zur Übernahme des "Berliner Tutorenmodells". Wissenschaftsrat und VDS (Vereinigte Deutsche Studentenschaft) empfahlen die Förderung der Kleingruppenarbeit, die Stiftung Volkswagenwerk finanzierte mit 13 Mio. DM bundesweit den Ausbau von Tutorenprogrammen nach Berliner Vorbild und auch die Kultusministerkonferenz verabschiedete Richtlinien für die Durchführung von Tutorenprogrammen. Doch was der Universität als wichtiger Bestandteil der Studienreform galt, geriet schon bald in den Mittelpunkt kritischen Interesses staatlicher Bildungspolitik. Durch Abschluss eines Tarifvertrages konnte verhindert werden, dass der Senat durch den Erlass von ,,Richtlinien über die Beschäftigung von Tutoren und studentischen Hilfskräften" deren Arbeitsbedingungen einseitig regelte. Doch der Konflikt ging weiter. Der Senator forderte die Berliner Hochschulen auf, durch den Erlass einer Tutorenordnung ,,studentische Hilfskräfte erheblich rationeller als bisher zu beschäftigen" und dadurch ,,Mittel zu reduzieren". Trauriges Ergebnis dieser Tutorenordnung war, dass 80-Std.-Verträge fast gänzlich abgeschafft und durch 60- bzw. 40-Std.-Verträge ersetzt wurden. Da die Arbeitsinhalte jedoch kaum verändert wurden, stieg die Arbeitsbelastung. Die Folgen der vom Senator verordneten Stellenstreichungen waren allerdings noch übler: Während 1972 der TU bei ca. 12.000 Studierenden noch ca. 1.060 Tutorenpositionen zu je 80 Std./Monat zur Verfügung standen, schrumpfte das Verhältnis auf ca. 750 Positionen (1982) bei ca. 26.000 Studierenden. Besonders betroffen waren die Fachbereiche der Sozialwissenschaften. Übermäßige Kürzungen konnten lediglich in den Bereichen vermieden werden, wo ein hoher apparativer Aufwand (Labore, experimentelle Praktika, Übungen am Rechner) eine individuelle Betreuung erforderte, die durch hauptberufliche Lehrkräfte zu teuer wäre.

Die Auswirkungen auf das Tutorenmodell sind leicht abzusehen:
Viele Tutorien wurden ersatzlos gestrichen, für andere wurden Wartelisten eingerichtet, fast überall stiegen die Teilnehmerzahlen auf über 20 (bis zu 100!). Die individuelle Betreuung musste reduziert werden, auf eine intensive und kontinuierliche Vor- und Nachbereitung der Veranstaltungen und Verbesserung von Skripten und Arbeitsunterlagen wurde verzichtet, inhaltliche Gestaltungsfreiräume den prüfungsrelevanten Themen geopfert. Kleingruppenarbeit war so unmöglich geworden, Tutorien wurden billiger Ersatz für die früher von wissenschaftlichen Mitarbeiter/inne/n veranstalteten Übungen, in denen vor größerem Publikum Aufgaben vorgerechnet werden. Ob dort nun 30, 70 oder 100 Studierende zuhören, ist kaum noch ein qualitativer Unterschied. Individuelle Hilfestellung bei studentischen Problemlösungsversuchen bleibt undurchführbar, gefragt sind Repetitorien, in denen das prüfungsrelevante Wissen hübsch verpackt und leicht verdaulich serviert wird.

Zu düster gemalt?
Sicher gibt es heute Tutorien unterschiedlicher Qualität, doch jede/-r möge sich die Frage selbst beantworten, inwieweit Tutorien heutiger Prägung den damaligen Zielvorstellungen genügen und tatsächlich der ständigen Hochschulreform durch Erprobung und Entwicklung neuer Strukturen, Organisationsformen und Ausbildungsgängen dienen. Gefragt ist aber hauptsächlich das Engagement jeder/jedes Einzelnen in ihrem/seinem Bereich, wobei es nicht darum geht, ein schnell verwertbares Fakten- und Methodenwissen noch effizienter zu vermitteln. Modellcharakter können Tutorien nur dann haben, wenn von ihnen auch inhaltliche Impulse für eine Hochschulreform ausgehen und sie nicht nur Nachhilfeveranstaltungen für didaktisch mangelhafte Vorlesungen sind.

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