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TU Berlin

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Weitere Informationen - 10 Arbeitschritte zur integrierten Technikbewertung

Hintergrund

Die Einbindung von verschiedenen gesellschaftlichen Perspektiven in Technikentwicklungsprozesse, z.B. unter dem Akronym ELSI (ethische, rechtliche und soziale Implikationen) oder als RRI (Responsible Research and Innovation), wird heute vermehrt gefordert und häufig zur Voraussetzung von Projektförderung im Wissenschaftsbetrieb gemacht. Auch für Unternehmen, öffentliche Einrichtungen und andere Träger von Innovationen gewinnt die ganzheitliche und integrierte Betrachtung von (technischen) Entwicklungen mehr und mehr an Bedeutung.

Die praktische Implementation dieses Anspruchs und damit die fundierte Integration unterschiedlicher Perspektiven und Anforderungen in die Entwicklungsprozesse von Technik und ihrer Anwendung steht jedoch vor vielen Herausforderungen. Mangelnde Ressourcen, begrenzte Bereitschaft, mitunter bedingt durch unvollständiges Wissen sowie die Findung von passgenauen und handhabbaren methodischen Verfahren sind einige der hier zu nennenden Hemmnisse. Daher werden solche Verfahren teilweise als rein pflichtschuldige Einbindung von Wertfragen in Projekte bzw. als bloße Rechtfertigungsstrategie kritisiert. Gleichzeitig scheint aber auch eine ambitionierte Einbindung häufig an der Komplexität der Aufgabe zu scheitern, heterogene Diskurse der Ethik, des Rechts und der Sozialwissenschaften an die Technikentwicklungsprozesse so anzuschließen, dass Entscheidungen über Lösungen kontrolliert und tatsächlich „gemeinsam“ getroffen werden können.

ELSI und ähnliche Bestrebungen zu reflektieren und zu stärken, ist angesichts der erheblichen Veränderungen und Veränderungspotenziale auf gesellschaftlicher und individueller Ebene, die mit der fortschreitenden Technisierung der Gesellschaft einhergehen, heute aus unserer Sicht mehr denn je geboten. Diese hat einen Grad an Komplexität und Verdichtung erreicht, bei dem selbst die Technikwissenschaften sich ihrer Gegenstände offenbar nicht mehr sicher sein können. Ergebnisse sind auch unter gleichen Bedingungen oft nur schwer oder unmöglich zu reproduzieren. Die Unsicherheit ergibt sich nicht mehr nur aus inskribierten Fehlern oder Vorurteilen, sondern aus dem permanenten durch die Dynamik technischer Entwicklungen gekennzeichneten Wandel der Lebenswelt und ihrer Techniknutzungen selbst.

Der im 4D-Tool softwarebasiert umgesetzte partizipative Netzwerkansatz begegnet dieser Kritik und macht ein systemisches und systematisches Methodenangebot für eine Vielzahl von potenziellen Nutzer*innen.

Konzept des 4D-Tools

Der Ansatz ist ganzheitlich, integriert und konstruktiv ausgelegt, setzt die verschiedenen Perspektiven auf eine Technologie zueinander in Beziehung und speist diese Ergebnisse schon früh in die Bewertung und den Gestaltungsprozess ein. Diese Betrachtung ermöglicht die diskursive Öffnung potenziell kontroverser technischer Entwicklungen, in dem sie „kreative Störfaktoren“ einbringt, dadurch „interpretative Flexibilität“ eröffnet und damit Gestaltungspotenzial erschließt.

Dieser Ansatz lässt sich auch als „Integrierte Technikbewertung durch Konflikte“ (Hempel et al. 2019) charakterisieren. Er setzt sich zum Ziel, Anforderungen an und Einschätzungen zu Technologien aus den unterschiedlichen Perspektiven so im konkreten Anwendungskontext abzufragen und zu verbinden, dass potenzielle Konflikte zwischen den Antworten identifiziert und durch deren gemeinsame Bearbeitung als Optimierungspotenziale nutzbar gemacht werden können. Die Idee ist, auf Grundlage der gegebenen Antworten, Konflikte zwischen sämtlichen Kriterien aller ausgewählten Bewertungsthemen zu identifizieren. Diese Konflikte gilt es als Optimierungspotential zu begreifen und dieses durch begründete Änderungen der Antworten und durch eine Anpassung der Gestaltung einer Technologievariante zu heben und zwar ohne dabei neue nicht-intendierte Folgekonflikte und -kosten zu generieren. Hierbei bietet die Visualisierung der Interdependenzen der unterschiedlichen Rationalitäten und Einschätzungen in Konfliktnetzwerken, unterlegt mit möglichst stichhaltigen Nachweisen für die jeweiligen Positionen und verknüpft mit allen relevanten technischen und menschlichen Beteiligten der sog. „Arena“, in der sich die Technikentwicklung abspielt, die Möglichkeit, Komplexität nicht unangemessen zu reduzieren, sondern zu erhalten und für eine gemeinsame Bearbeitung fassbar zu machen.

Prozessablauf

Im Folgenden wird die Nutzung des 4D-Tools in drei Phasen und zehn Arbeitsschritten beschrieben. Die Analysen eines jeden Projekts untergliedern sich in die drei Phasen: Konfiguration - Erhebung - Analyse und Optimierung.

Phase 1: Konfiguration

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1.  Bewertungsthemen:

Um eine Bewertung bzw. integrierte Entwicklung eines Technologieprojekts in der Software durchzuführen, muss dieses im 4D Tool als Projekt angelegt werden. Hierzu sind zunächst die zentralen Bewertungsthemen auszuwählen, die im Zuge des Projekts bearbeitet werden sollen. Diese können von Akzeptanz über Umweltschutz bis zu technischer Zuverlässigkeit, von Datenschutz über Ergonomie bis zu Wirtschaftlichkeit reichen. Grundsätzlich bestimmt die Projektleitung die Breite der Themen sowie die Tiefe ihres Detailierungsgrad in Form von Kriterien. Es besteht aber ebenso die Möglichkeit, den Prozess zu öffnen, so dass sich sämtliche Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die entsprechend ihrer Expertisen zum Projekt eingeladen wurden, über die relevanten Themen und Kriterien abstimmen. Die Themen- und Kriterienselektion stellen so grundsätzlich offene Prozesse dar. Beides bestimmt letztlich den Grad der Komplexität und damit die Vielzahl von in einem Projekt zu berücksichtigenden und zu analysierenden Implikationen, die mit technischen Entwicklungen verbunden sein können.

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2. Projektbeschreibung:

In der Konfigurationsphase werden weiterhin das Projekt und seine Projektgegenstände beschrieben, also bspw. die zu untersuchenden Technologie- oder Lösungsvarianten, ausgehend vom Handlungsbedarf. Neben den allgemeinen Angaben gehören hierzu involvierte Akteure und Organisationen, technische Beschreibungen, Bedienpersonal und Bedienfunktionen, Zielgruppen, Rechtsgrundlagen und auch der Kostenrahmen. Ebenso können im Rahmen dieser ersten Phase eine beliebige Anzahl von unterschiedlichen Anwendungsszenarien angelegt werden, vor deren Hintergrund dann die integrierte Bewertung der Technologievarianten erfolgt. Pro Gegenstand sollte mindestens ein Szenario je Anwendungskontext angelegt werden, am besten aber mehrere, damit die Bandbreite an Nutzungsmöglichkeiten in den Blick kommen kann. Die Szenarien können sich u.a. hinsichtlich der Orte der Anwendung der Technologie, der primär handelnden Akteuren, der betrachteten Tageszeiten oder der jeweils genutzten Funktionen unterscheiden.

 

Phase 2: Erhebung

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3. Kriterienbeantwortung:

Sobald die Themen gesetzt, die Kriterien (wenn auch nicht abschließend) ausgewählt und die Konfiguration im Detail abgeschlossen sind, beginnt der eigentliche Bewertungsprozess, die Erhebungsphase. Sämtliche Themen respektive Kriterien werden durch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer entsprechend ihrer Expertise beantwortet, wodurch spezifisches Wissen unterschiedlicher Perspektive zusammenkommt, aber auch Differenzen und Meinungsverschiedenheiten identifiziert werden können. Denn die in Frageform übersetzten Kriterien können je nach Betroffenheit und Kompetenz auch von zwei oder mehreren Teilnehmer*innen beantwortet werden. Schließlich transportieren Kriterien Diskurse unterschiedlicher gesellschaftlicher Funktionsbereiche und Wissensgebiete. Dies heißt einerseits, dass keiner dieser Diskurse in der Lage ist, eine Technologievariante wirklich vollständig abzubilden, und andererseits, dass diese Diskurse sich auch überlagern, so dass einzelne Kriterien aus unterschiedlichen Sichtweisen unterschiedliche Antworten erwarten lassen.

4. Ergänzende Informationen:

Jedes Kriterium ist zunächst im Hinblick auf seine (zu erwartende) Erfüllung zu beantworten, wobei der Erfüllungsgrad durch die benutzerdefinierte Änderung der Skalierung differenziert werden kann. Zur vollständigen Beantwortung eines Kriteriums gehört eine qualitative - in der Regel ausführliche - Begründung der Antwort, die Angabe von Nachweisen, die Quantifizierung und Monetarisierung des Kriteriums einschließlich der Angaben von Nutzen und Risiken bei Erfüllung bzw. Nicht-Erfüllung. Schließlich werden die Antworten mit einzelnen Elementen aus der Konfiguration, wie technischen Beschreibungen, betroffenes Personal, beteiligte Organisationen, Rechtsgrundlagen und Szenario-Elementen verknüpft. Dies erlaubt in Vorbereitung auf die Analyse- und Optimierungsphase, sogenannte Arenen der Aushandlung aus Akteuren und Dingen zu bestimmen, die im Fall von Konflikten zwischen Antworten respektive Optimierungspotenzial alle relevanten Aspekte eines Konflikts versammeln.

 

Phase 3: Analyse und Optimierung

5. Antwortvalidierung:

Sind die Fragen zu den Kriterien beantwortet, werden die gegebenen Antworten durch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zunächst validiert, wobei die Projektleitung über die Tool-Einstellungen entscheiden kann, wer welche Fragen sehen, validieren bzw. nicht validieren soll. So können Antworten nicht nur „quittiert“ oder angenommen, sondern auch abgelehnt werden. Wenn Meinungsverschiedenheiten bezüglich einzelner Antworten zwischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer bestehen, können diese bereits zu diesem Zeitpunkt über den Kommunikationsassistenten - in Form eines integrierten Messengersystems - oder eine Videokonferenz besprochen werden. Ebenso lassen sich einzelne Antworten im Zuge dieses Prozesses als nicht änderbar sperren, was sich auf die Bearbeitung inter-kriterieller Konflikte respektive auf eventuelle Optimierungen im weiteren Verlauf der dritten Phase auswirkt.

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6. Kriterien-Netzwerke und Konfliktbeziehungen:

Je nach ausgewählten Themen und Kriterien konfiguriert das 4D-Tool pro Technologievariante und Szenario ein Gesamtnetzwerk und identifiziert auf Basis der gegebenen und validierten Kriterien-Antworten mögliche Konfliktbeziehungen zwischen diesen. Diese identifizierten Konfliktbeziehungen müssen wiederum validiert werden. Dies erfolgt durch die jeweiligen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die die Kriterien, die zu einer Konfliktbeziehung führen, beantwortet haben. Fallen hierdurch Beziehungen weg, weil sie als irrelevant erachtet oder der Zusammenhang nicht sinnhaft erscheint, so muss dies begründet werden. Wird ein Konflikt als solcher hingegen anerkannt, können seine Tolerierbarkeit, seine Eintrittswahrscheinlichkeit und sein potenzieller Impact bewertet werden sowie wiederum einzelne Antworten der Konstellation unter Angabe entsprechender Gründe gesperrt oder auch wieder entsperrt werden.

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7. Optimierung unter Beibehaltung von Komplexität:

Auf Grundlage validierter Konfliktbeziehungen können für jede Konfliktkonstellation schließlich Lösungsskizzen unter Berücksichtigung von Folgekonflikten sowie Angaben zu Kosten, Aufwand etc. durch alle hierzu autorisierten Teilnehmerinnen und Teilnehmer erarbeitet werden. Dies erfolgt zunächst im Simulationsmodus, um Spielraum für so viele unterschiedliche Lösungsskizzen wie möglich zuzulassen. Das Ziel dieses zentralen Schrittes ist es, die interpretative Flexibilität zu erhöhen und später (siehe 8.) aus einer Fülle von Skizzen auszuwählen, um die optimale Gestaltung einer Technologievariante zu erarbeiten. Dabei unterstützt das Tool diesen Prozess der Konfliktbearbeitung respektive Optimierung, der entweder in der Gruppe oder einzeln durchgeführt werden kann. Erstens wird zu jeder Konstellation auf Grundlage der Angaben in der Konfiguration die Arena an Personen und Elementen angezeigt, die im Konflikt involviert und im Prozess einer Lösung deshalb mindestens konsultiert werden sollten. Ferner macht es Vorschläge, welche der Konfliktkonstellationen als erste bearbeitet werden sollte, um zu einer optimalen Gesamtlösung zu gelangen, und dies möglichst ohne Folgekonflikte zu erzeugen.

8. Rekonfiguration der technischen Variante:

Jedes Gesamtnetzwerk, das eine Technologievariante repräsentiert, kann im Anschluss auf Basis der erarbeiteten Lösungsskizzen sodann rekonfiguriert werden. Bei dieser Auswahl der Optimierungsvorschläge unterstützt das Tool erneut. Um sich beispielsweise zwischen mehreren, von unterschiedlichen Teilnehmerinnen und Teilnehmern erarbeiteten, konkurrierenden Lösungsskizzen zu ein und der gleichen Konfliktkonstellation zu entscheiden, können unterschiedliche Optimierungsparameter wie minimale Konflikthaftigkeit des Gesamtnetzwerks, maximale Themenkonformität, Kosten, Kommunikationsaufwand etc. genutzt werden, um die passende Rekonfiguration vorzunehmen. Dabei bleibt dieser Bewertungsprozess immer transparent und für jede Teilnehmerin und jeden Teilnehmer nachvollziehbar. Der durch den Optimierungsalgorithmus erzeugten Vorschlag, die Gestaltung einer Technologievariante zu rekonfigurieren, lässt sich unter den Teilnehmer*innen abstimmen, indem die zu jeder Konfliktkonstellation erarbeiten Lösungsskizzen abgelehnt, angenommen oder auch zusammengeführt werden, vorausgesetzt die Änderungen der Kriterienerfüllung widersprechen sich nicht.

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9. Bewertungsgüte:

Da jeder Bewertungsprozess auf der Fülle von Eingaben basiert, die eine unterschiedliche Qualität haben können, muss dieser Prozess zum Schluss selbst zum Gegenstand der Bewertung werden. Erst dann lässt sich von integrierter und zugleich reflexiver Technikbewertung bzw. -entwicklung sprechen. Die Methodik mündet also abschließend in der Angabe der Bewertungsgüte pro Technologievariante. In dieser wird ausgewertet, wie welche Entscheidungen getroffen wurden und gegebenenfalls auch durch wen. Auf Basis unterschiedlicher Kennzahlen zu den angegebenen Nachweisen, einzelthemenbezogenen Konformitäten und Gewährleistungen, Tolerierbarkeiten und Wirkungen von Konfliktbeziehungen sowie nicht zuletzt zur Qualität von Partizipation und Kommunikation im Zuge der Durchführung wird die Güte der Reflexivität des Projektes und damit die Qualität der jeweiligen Technikbewertung bzw. -entwicklung bewertet. Durch diese Bewertungsgüte kann vor allem die Aussagekraft der Ergebnisse gegenüber Dritten deutlich gemacht werden.

10. Berichte:

Abschließend können unterschiedliche Berichte u.a. über die Projektgegenstände (Technologievarianten), die gegeben Antworten und unterschiedlichen Analysen entsprechend dem jeweiligen Bedarf erstellt werden. Hierbei kann es sich lediglich um einen Anforderungskatalog an eine Technologievariante respektive -entwicklung handeln. Es kann aber auch ein umfassender TA-Bericht erstellt werden, der den Fokus auf kritische, kontroverse Aspekte einer Technologieentwicklung legt. Dieser TA-Bericht kann um die konstruktive Dimension der Konfliktbearbeitung bzw. Optimierung zu einem konstruktiven TA-Bericht und Variantenvergleich erweitert werden. Themenkonformität, interdependente Konflikthaftigkeit sowie Kosten bilden dabei das Hauptaugenmerk. Sie werden durch die Kosten-Nutzen-Konflikt-Analysen ergänzt, die ebenfalls auf der Basis der Netzwerkanalyse Folgekonflikte und Folgekosten berücksichtigen, um zu besseren Kosten-Nutzen Einschätzungen pro Variante zu gelangen. Künftig sollen die Berichte nach den individuellen Bedarfen der Organisationen angelegt und rekonfiguriert werden. Es lassen sich ebenfalls Präsentationen erzeugen, um Entscheidungen über das Für und Wider zu einzelnen Technologienvarianten gegenüber Dritten, beispielsweise Mittelgebern zu begründen.

Zusatzinformationen / Extras

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