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Technik und Gesellschaft an deutschen Universitäten

Im folgenden wird eine gekürzte und aktualisierte Version des Vortragsmanuskripts von Frau Staatsministerin a.D. Prof. Dr. Evelies Mayer von der Technischen Universität Darmstadt wiedergegeben, der den Kontext der Arbeit des ZTG umreißt. Prof. Evelies Mayer hielt den Vortrag auf dem Evaluierungsworkshop des ZTG am 16. April 1998 im Sitzungssaal des Akademischen Senats der TU Berlin.

Wissenschaftssystem im Wandel: Universität und Interdisziplinarität

Wir leben in einer Wissensgesellschaft oder steuern auf sie zu. Zuverlässige wissenschaftliche Erkenntnisse der natürlichen und sozialen Wirklichkeit bilden die Basis für neues Wissen und Können. Verbesserte technische Möglichkeiten zur kreativen Kombination dieses Wissens erweitern die Fähigkeiten einer Gesellschaft, ihre ökonomischen Grundlagen zu sichern und drängende soziale Probleme zu bewältigen. Michael Gibbons und eine internationale Gruppe von Wissenschaftsforschern haben den künftig vorherrschenden Wissenschaftstypus als disziplinübergreifend beschrieben, als ein Wissen, das stärker an seinen sozialen und ökonomischen Kontext gebunden ist und die Kooperation zwischen Wissenschaft und Praxis sucht. 

Das gilt auch für das Themenfelde Technik und Gesellschaft. Diese Thematik betrifft nur einen Ausschnitt aus den vielen möglichen Konfigurationen einer problemorientierten Zusammenarbeit von Fächern aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen wie den Ingenieur- und Naturwissenschaften und den Geistes- und Sozialwissenschaften. Diese wirken schon seit Jahrzehnten im Wirtschaftsingenieurwesen und in der Stadt- und Regionalplanung zusammen und haben in den letzten Jahren auch in der Umweltforschung neue Felder für eine fruchtbare Kooperation erschlossen. Am Beispiel Technik und Gesellschaft können also exemplarisch Richtung und Barrieren des möglichen und auch notwendigen Wandels in Universitäten verdeutlicht werden. Betrachtet man für deutschsprachige Universitäten die Verknüpfung von Fächern und Fachkulturen im Schwerpunkt Technik und Gesellschaft, so fällt auf, dass diese Versuche nach Vorbildern in anderen Ländern entstanden und nicht in der jeweiligen Universität angestoßen worden sind.

Das Vorbild: 'Science, Technology, and Society Programme' in den USA

In den USA führt die Kritik der wissenschaftlichen Spezialisierung und Professionalisierung zwischen 1870 und 1920 zu einer Reihe von Vorschlägen, um die Ingenieurausbildung aus ihrer fachlichen Einengung herauszuholen und ihre zivile und praktische Effizienz zu steigern. Nach dem Zweiten Weltkrieg und im Gefolge des Sputnik-Schocks kommen solche Initiativen verstärkt zur Geltung, sei es in der Gründung von Ingenieurausbildungsstätten mit einer starken Präsenz der Sozial- und Geisteswissenschaften wie im Harvey Mudd College und im Worcester Polytechnic Institute oder in den Science, Technology, and Society (STS) Programmen an Universitäten mit ingenieur- und naturwissenschaftlicher Ausrichtung. Als Vorbild wirken hier das STS-Program am MIT oder das Values, Technology, Science, and Society-Program in Stanford. Beide weisen eine breite Palette von interdisziplinären Aktivitäten auf von der wissenschaftlichen Grundausbildung, über Forschung bis hin zu gezielten Nachwuchsförderung. Zu den STS-Programmen gehören auch die Zentren, die als Science, Technology, and Public Policy Programme für die Ingenieurausbildung berufsrelevante interdisziplinäre Akzente setzen und die eher auf die interdisziplinäre Forschung ausgerichteten Science and Technology Studies oder der Forschungsbereich Socio-Technical Systems. Gegenwärtig gibt es an ungefähr einem Drittel der 3000 amerikanischen Colleges und Universitäten STS-Kurse und ungefähr 100 anerkannte STS-Programme. Aufgaben, Thematik und organisatorischer Zuschnitt dieser Programme sind ständig im Fluss, ihre Anerkennung und Förderung wechselt mit den wissenschaftspolitischen Konjunkturen.

Das Beispiel Österreich

In Österreich existiert eine bunte Mischung von Instituten zur interdisziplinären Technik- und Wissenschaftsforschung in und außerhalb der Universitäten. Alle Universitätseinrichtungen mit interdisziplinärem Zuschnitt verbinden Forschungs- und Lehraktivitäten.

Institut für Technik und Gesellschaft (disziplin- und institutionenübergreifend, Kristallisationskern für aktuelle technikpolitische Debatten).
Institut für Gestaltungs- und Wirkungsforschung an der TU Wien (an die Informatik-Fakultät angegliedert, behandelt interdisziplinäre Fragestellungen der Informatik aus sozialwissenschaftlicher Sicht).
Institut für Interdisziplinäre Forschung von den Universitäten Innsbruck, Klagenfurt und Wien getragen (Schwerpunkt ist die Technik- und Wissenschaftsforschung).

Das Themenfeld Technik und Gesellschaft an deutschen Universitäten

In Deutschland ist der Flickenteppich der Ansätze zur Erforschung der Beziehungen zwischen Technik und Gesellschaft noch bunter als in Österreich. Interdisziplinäre Initiativen im Umfeld von Universitäten fordern geradezu heraus, auch in den Hochschulen das Thema aufzugreifen. Da gibt es oder gab es die verschiedenen Landesprogramme zu Technik und Arbeit und Mensch und Technik in NRW, Bremen und Niedersachsen oder die Initiativen der Kommission Sozialer und Politischer Wandel mit einem arbeitspolitischen Schwerpunkt in den neuen Bundesländern, die Stuttgarter Akademie zur Technikfolgenabschätzung (2002 geschlossen) und die Akademie zur Erforschung von Wissenschaft und Technik, die das Land Rheinland-Pfalz zusammen mit der Deutschen Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt gegründet hat. Die Arbeitsgruppen zur Thematik Technik und Gesellschaft in den Großforschungseinrichtungen sowie eine Stelle zur Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag runden das Bild ab.

Bei der Analyse der Beziehungen zwischen Technik und Gesellschaft können zwei Richtungen unterschieden werden. Zum einen handelt es sich um die systematische Weiterentwicklung des Forschungsgegenstandes in einzelnen sozial- und geisteswissenschaftlichen Fächern, zum andern um die Öffnung dieser Fächer, aber auch der Ingenieur- und Naturwissenschaften für einen multidisziplinären Ansatz. Dazu einige Beispiele: In der Soziologie hat sich die Technikforschung aus der Spezialdisziplin der Industriesoziologie heraus entwickelt. Auch in der Geschichte, der Philosophie, der Politikwissenschaft und der Psychologie gibt es Forschungsansätze, die ihren Blick auf die technische Entwicklung richten. Das fachgebundene Forschungsinteresse schließt eine punktuelle Zusammenarbeit mit ingenieurwissenschaftlichen Experten nicht aus. Auch von ingenieurwissenschaftlicher Seite werden die Fühler zu den Sozialwissenschaften ausgestreckt. Die Konstruktionslehre bewegt sich auf die Psychologie zu. Das interdisziplinäre Feld des Wirtschaftsingenieurwesens wird durch Professuren für Innovations- und Gründungsforschung erweitert. In technikwissenschaftlichen Disziplinen wie der Energiesystemtechnik oder der integrierten Verkehrsplanung werden Professuren für Systemtechnik eingerichtet. Verallgemeinernd kann man sagen, dass sich an deutschen Universitäten drei Formen der Institutionalisierung von Forschung und Lehre im Themenfeld Technik und Gesellschaft herausgebildet haben:

  • Interdisziplinäre Lehrinitiativen und Einrichtungen, die an Universitäten die fachübergreifende Lehranteile in der ingenieurwissenschaftlicher Ausbildung unterstützen. Als Beispiel sei das Studium Integrale an der TU Braunschweig genannt.
  • Forschung und Lehre mit fachgebundenem interdisziplinären Ansatz: Dazu gehört das neue Zentrum für Technik- und Wissenschaftsgeschichte, das gemeinsam von der TU München, der Ludwig-Maximilians-Universität, der Bundeswehrhochschule und dem Deutschen Museum in München getragen wird. Ein Graduiertenkolleg und ein Master Program Social Science of Technology/Sozialwissenschaft der Technik ergänzen die Forschungsarbeit.
  • Multidisziplinäre Zentren mit eigener Forschungs- und Lehrleistungen und Koordinierungsfunktionen. Zu berichten ist über das Forum Technik und Gesellschaft an der RWTH Aachen, das Forschungszentrum Arbeit und Technik (ARTEC) an der Universität Bremen, das Zentrum für Interdisziplinäre Technikforschung (ZIT) an der TU Darmstadt und das Zentrum Technik und Gesellschaft an der Brandenburgischen TU Cottbus.

Zentrum Technik und Gesellschaft

Wie ordnet sich nun das Zentrum Technik und Gesellschaft (ZTG) an der TU Berlin in den Reigen der beschriebenen zentralen Einrichtungen ein? Das Zentrum ist wie die anderen Einrichtungen sehr stark an interdisziplinärer Forschung orientiert. Im Vergleich zu allen anderen Zentren findet das ZTG dafür ein besonders stimulierendes Umfeld vor.

Die Arbeit im Zentrum kann erstens an einer breiten Forschungstradition der TU Berlin zum Themenfeld Technik und Gesellschaft anknüpfen. Ein Forschungsnetzwerk muss also nicht erst aufgebaut werden. Statt dessen kann das ZTG als koordinierende Einrichtung die bereits vorhandenen interdisziplinären Kooperationen dichter gestalten und auf neue Aspekte sozialer und technischer Innovationen ausrichten. Dabei kommt ihm die Breite im Fächerspektrum der TU Berlin zugute.

Zweitens ist das ZTG ein geeigneter Ort für international vergleichender Debatten zur Technikentwicklung. Berlin ist mit seinen Universitäten für Studierende und Gastwissenschaftler*innen aus aller Welt attraktiv. Dieses Interesse stimuliert; es verlangt auch, dass sich die Berliner Universitäten auf diese internationale Aufmerksamkeit einrichten. Zentren wie das ZTG können gerade mit ihrer thematisch zentrierten Arbeit zur Anlaufstelle für Wissenschaftler aus verwandten Forschungseinrichtungen und für Studierende mit interdisziplinären Studieninteressen werden. Das ZTG könnte auf dieses Weise auch einen wichtigen Part bei der angestrebten Internationalisierung von Studiengängen spielen.

Interdisziplinarität als Entwicklungspotential in einer Universität

Generell ist festzuhalten, dass interdisziplinäre Zentren im Themenfeld Technik und Gesellschaft an technischen Universitäten mit einer traditionell fachlich gebundenen Organisation zusammen mit anderen Zentren auf Zeit eine wichtige Aufgabe erfüllen. Bei Neugründungen wie der BTU Cottbus oder der TU Hamburg-Harburg ist die Organisationsstruktur der Universität bereits auf die Zusammenarbeit zwischen den ingenieur- und naturwissenschaftlichen Disziplinen ausgerichtet. Interdisziplinäre Kooperation wird im Universitätsalltag praktiziert und kann auf sozial- und geisteswissenschaftliche Fachrichtungen (auch im Hochschulverbund) ausgedehnt werden. Anders in technisch-naturwissenschaftlich orientierten Universitäten, bei denen sich die Fachkulturen organisatorisch gegeneinander abschirmen. Um die in solchen Hochschulen vorhandenen synergetischen Effekte der Fächervielfalt nutzen zu können, sind zwei organisatorische Alternativen denkbar.

Eine Möglichkeit ist, die Fachbereichs- oder Fakultätsstruktur radikal zu reorganisieren. So wird in dem jüngst vorgestellten Gutachten der Sachverständigenkommission zur Bildung einer Hochschulregion Saarland-Trier-Westpfalz vorgeschlagen, an der Universität des Saarlandes die Fakultäten aufzulösen und die vielen disziplinären Untereinheiten zugunsten von wenigen problem- und forschungsorientierten interdisziplinär zusammengesetzten Fachbereichen zusammenzufassen.

Weniger Kraftaufwand kostet es, über Zentren eine flexible Arbeitsebene zwischen Hochschulleitung und den Fakultäten oder Fachbereichen zu etablieren. In Zentren können zeitlich befristet Aufgaben in Forschung und Lehre wahrgenommen werden, die die traditionelle disziplinäre Struktur übergreifen. Die DFG hat mit ihrer Förderung von Forschungskooperationen in Forschergruppen, Sonderforschungsbereichen und Graduiertenkollegs diese flexible Zwischenebene an deutschen Universitäten "hoffähig" gemacht. Was als Erfolg dieser Förderstrategien gilt, die Expertise verschiedener Fächer zu vernetzen, kann auch durch die Gründung von Zentren in den Universitäten erzielt werden.

Die Vorteile von Zentren mit interdisziplinärem Zuschnitt für moderne Forschungs- und Ausbildungsstrategien liegen auf der Hand: 

  • Umgehen von Sichtbehinderungen durch fachliche Scheuklappen.
  • Prüfstein für eine angemessene Wissensproduktion in den einzelnen Fächern.
  • Ausbildung des Nachwuchses für flexible, fachübergreifende wissenschaftliche Arbeit.
  • Rahmenkonzepte für die Bearbeitung von Problemen durch mehrere Disziplinen.
  • Zeitlich befristete Kombinationen von Fächern für problemorientierte Forschung.
  • Erhöhung der gesellschaftlichen und politischen Akzeptanz von Universitäten.

Selbstverständlich gibt es auch Bedingungen für den Erfolg von interdisziplinär arbeitende Zentren. Dazu gehören:

  • Angemessene Grundausstattung und Planungssicherheit für eine bestimmte Zeit.
  • Forschung als zentrale Aufgabe.
  • Starke akademische Leitung und klar umrissener Arbeitsauftrag.
  • Enge Verbindungen zu den Fachbereichen und Rückhalt bei der Hochschulleitung.
  • Zentraler Ort als Heimstatt für interdisziplinäre Wissenschaftlergruppen.
  • Regelmäßige Evaluation, die dem Charakter interdisziplinärer Arbeit angemessen ist.

Interdisziplinarität und akademische Kultur

Sind die genannten Bedingungen annähernd gegeben und ist ein interdisziplinäres Zentrum wie das ZTG verlässlich in die Universitätsstruktur eingebettet, dann kann es seine Potentiale auch unter finanziell restriktiven Bedingungen nutzen. Es wird u.a. zu einer akademischen Kultur beitragen, die sich durch die Merkmale Flexibilität, Innovation, Komplementarität und qualitativer Wandel auszeichnet

  • Flexibilität: Es gibt gesellschaftliche Erwartungen an die Wandlungsfähigkeit der Universitäten. Zeitlich befristete und wechselnde Formen interdisziplinärer Zusammenarbeit in Forschung und Lehre kommen diesen Erwartungen entgegen und werden auch als ein Beitrag der Universität zur Lösung komplexer Probleme verstanden, die den Menschen wie beispielsweise die Zukunft der Arbeit unter den Nägeln brennen.
  • Innovation: Mit einer Kooperation von verschiedenen Disziplinen wird in der Forschung ein Zugewinn an Wissen und differenzierten Einsichten in komplexe Zusammenhänge ermöglicht. Gerade bei den engen Wechselbeziehungen von Technik und Gesellschaft können die institutionellen Vorzüge der Universität, wissenschaftliches Neuland in einem Fach zu erobern, ergänzt werden durch wechselnde fachliche Konstellationen in verschiedenen Forschungsfeldern.
  • Komplementarität: Ökonomischen Zwänge und finanziellen Restriktionen werden für Universitäten noch härter werden als sie es heute schon sind. Ein Zentrum, das sich erfolgreich neuen Forschungsfeldern zu den Beziehungen zwischen Technik und Gesellschaft verschreibt, muss sich also auf eine optimale Nutzung vorhandener Ressourcen einlassen. Dazu können Verbundprojekte zwischen Universitäten und auch internationale Kooperationen und Abstimmungen beitragen.
  • Qualitativer Wandel: Marktorientierung und betriebswirtschaftliches Kalkül sind nicht die einzigen Maßstäbe für die notwendige Reform einer Universität. Ihr zentraler Auftrag, dem geprüften Argument und der Rationalität von Entscheidungen eine sichere Wissensbasis zu geben, muss zeitangemessen erfüllt werden. Dazu trägt auch der kritische Austausch zwischen Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen bei und auch die intellektuelle Debatte zwischen ihnen. Ein interdisziplinäres Zentrum Technik und Gesellschaft könnte dabei Pionierarbeit leisten, eine neue Qualität der wissenschaftlichen Arbeit und geistiger Auseinandersetzung demonstrieren und der jungen Generation ein spannendes Feld wissenschaftlich angeleiteter Erkundung und Gestaltung ihrer künftigen Welt bieten. Warum sollte eine Technische Universität diese Chance nicht nutzen?

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