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TU Berlin

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Forschungskolleg: Der Erste Weltkrieg und die Konflikte der europäischen Nachkriegsordnung (1914-1923)

oder

Die Radikalisierung des Antisemitismus in Europa1

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Der Erste Weltkrieg hatte mit seinen sozialen, politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und mentalen Erschütterungen gravierende  Folgen für die gesellschaftliche Entwicklung in Europa, die bis in die Gegenwart hineinreichen. Nicht umsonst hat man ihn die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ genannt. Das Ergebnis des Krieges war der Zusammenbruch des ‚alten’ Europa des langen 19. Jahrhunderts und das Ende seiner globalen politischen und wirtschaftlichen Hegemonie. In Russland löste der Krieg eine Revolution aus, die die europäische Geschichte des gesamten 20. Jahrhunderts grundlegend prägte; in Deutschland führten Krieg und Revolution zum Sturz des Kaiserreiches sowie zum Ende aller deutschen Dynastien, und in Ostmitteleuropa kam es zum Zusammenbruch der Habsburgermonarchie. Dem Zusammenbruch der Vielvölkerreiche folgte die problematische Gründung neuer nationaler Staaten in einem multinationalen Raum. Der Erste Weltkrieg hatte zudem „eine neue Epoche hemmungsloser Gewaltpolitik“  (Wolfgang J. Mommsen) zur Folge, und er schuf Probleme, die – wie der Fall Ungarn zeigt – selbst im 21. Jahrhundert noch viru-lent sind.
Mit den Revolutionen in den Mittelmächten hatte der Erste Weltkrieg zwar auch neue Demokratien hervorgebracht. Die revolutionären Umwälzungen hatten jedoch zu tiefen Verunsicherungen des bürgerlichen Mittelstandes und schweren Verwerfungen im Lager der zuvor herrschenden politischen Parteien geführt. Zugleich riefen die Revolutionen konterrevolutionäre Bewegungen hervor, die zu einer nachhaltigen Verschärfung des politischen Klimas in allen europäischen Ländern beitrugen. In dem zu den Siegermächten gehörenden Italien führten die katastrophalen Kriegserfahrungen zur Entstehung der neuen politischen Bewegung des Faschismus, die wiederum mit ihren autoritären, antidemokratischen und gewaltbereiten politischen Einstellungen in weite Teile Europas ausstrahlte und die folgenden Jahrzehnte der europäischen Geschichte  grundlegend bestimmte.
Zu den Auswirkungen des Ersten Weltkrieges gehörte auch die Radikalisierung des Antisemitismus, die zu einer antisemitischen Durchdringung der europäischen Gesellschaften und zu einer neuen gewalttätigen antisemitischen Praxis führte. War der Antisemitismus schon in den Jahren seiner Entstehung als einer sozialen und politischen Bewegung von 1879 bis 1914 eine europäische Erscheinung, so vollzog sich auch dessen Radikalisierung in Folge des Ersten Weltkrieges parallel in weiten Teilen Europas. Der Antisemitismus war im Deutschland der 1880er Jahre erstmals in Erscheinung getreten, hatte unmittelbar darauf auf Österreich-Ungarn übergegriffen und auch die politische Kultur Frankreichs nachhaltig geprägt. In Ru-mänien wurde er zu einer die Politik und Gesellschaft bestimmenden Größe, und in Russland hatte er besonders gewalttätige Formen angenommen. Aufgrund der katastrophalen und traumatischen Erfahrung des Krieges und der ihm folgenden Revolutionen und Krisen verschärfte sich dieser Antisemitismus und nahm extreme Formen an.  
Anlässlich des bevorstehenden 100. Jahrestages des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges soll in dem Forschungsprojekt unter systematisch vergleichender Perspektive diese Radikalisierung des Antisemitismus in Europa untersucht werden. Ziel des Forschungsprojektes ist es, die europäischen Dimensionen in der Herausbildung des extremen Antisemitismus am Beginn des ‚Zeitalters der Extreme’ zu analysieren. Dabei wird sowohl nach den spezifischen Aus-prägungen und jeweiligen nationalen Besonderheiten des extremen Antisemitismus, als auch nach den Gemeinsamkeiten und dem politischen Transfer sowie der gegenseitigen Verflechtung in diesem Radikalisierungsprozess gefragt.

In der „Judenfrage“ bündelten sich in vielen Staaten zentrale politische Konflikte hinsichtlich der neuen staatlichen Ordnung und des gesellschaftlichen Zusammenlebens der verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Diese Konflikte konnten in den Verliererstaaten des Ersten Weltkriegs die Auseinandersetzungen um die Frage der Schuld am verlorenen Krieg und dessen katastrophale Folgen für das Land betreffen, die zudem verbunden waren mit dem Kampf der reaktionären Kräfte der alten Ordnung gegen das „neue System“. In Deutschland, Österreich und Ungarn wurde die neue staatliche Ordnung als „Judenrepublik“ diffamiert und bekämpft. Mit der Neuordnung Europas entstanden mit Polen, den baltischen Staaten, der Tschechoslowakei und Jugoslawien neue Staaten, in denen neben anderen nationalen Minoritäten zumeist auch große jüdische Minderheiten lebten. In zahlreichen Staaten sowie in den Ländern, die wie das Deutsche Reich, Österreich und Ungarn den Krieg und Teile ihres Staatsgebietes verloren hatten, war die Zwischenkriegszeit durch eine Schwäche der Demokratie, Verhärtung des Nationalismus und nationales Machtstreben gekennzeichnet. Dies führte zu zahlreichen Grenzkonflikten und inneren Nationalitätenkämpfen, wobei die in Osteuropa anteilsmäßig oft bedeutende jüdische Minderheit Ziel von Anfeindungen und Opfer von Übergriffen wurde. Die russische Oktoberrevolution ließ zudem in den bürgerlichen Schichten ein Bedrohungsgefühl wachsen. In dieser Situation fand Antisemitismus in immer weiteren Bevölkerungsschichten Europas Anklang, und er wurde für manche der in vielen europäischen Ländern entstehenden faschisti-schen Bewegungen und autoritären Regime zum Mittel der Politik. In der Haltung zu den Juden fanden mithin zentrale Krisenerscheinungen der europäischen Gesellschaften im Übergang vom Ersten Weltkrieg in die frühe Nachkriegsperiode ihren Ausdruck.
Was den Antisemitismus in dieser Phase auszeichnet, war dessen gestiegene Virulenz und Skrupellosigkeit sowie die hohe Bereitschaft zur Anwendung physischer Gewalt, und ferner die Tatsache, dass er von der Peripherie ins politische Zentrum rückte, indem er sich in einigen Ländern mit den politischen Kämpfen gegen die neue demokratische Republik verband.
In Deutschland führten die katastrophalen Kriegserfahrungen zur Entstehung dessen, was Saul Friedländer als Erlösungsantisemitismus bezeichnet hat, jene Form, die im nationalsozialistischen Mord an den europäischen Juden kulminierte. So evident die Radikalisierung des Antisemitismus in Deutschland auch ist, nur aus europäisch-vergleichender Perspektive ist zu erfassen, worin die Besonderheiten des radikalen deutschen Antisemitismus lagen, eine Frage, die wiederum zu den zentralen, die Forschungen an dem Projekt leitenden wissenschaftlichen Interessen gehört.
Ausschlaggebend für diese Radikalisierung der Judenfeindschaft in Europa, so die Hypothesen, von denen das Forschungsprogramm ausgeht, waren
– erstens die traumatischen Kriegserfahrungen mit ihren verheerenden sozialen, politischen und moralischen Folgen. Den Juden wurde die Schuld sowohl für die militärischen Niederlagen an der Front als auch für die sozialen Konflikte im Inneren zugeschoben. Dieser „neue Antisemitismus“, der natürlich auf älteren kulturellen und ökonomischen Vorurteilen aufbaute, verbreitete sich weit in vorher nicht judenfeindliche gesellschaftliche Kreise hinein. - Zweitens radikalisierte sich der Antisemitismus durch die unmittelbar nach, in Russland bereits vor dem Ende des Krieges einsetzenden revolutionären Bewegungen, an denen Juden in nicht unerheblichem Maße beteiligt waren, was wiederum Antisemiten zum Vorwand diente, den Juden die Schuld an den politischen Umstürzen zu geben und Sozialismus bzw. Bolschewismus als Erfindungen des jüdischen Geistes zu bekämpfen.
- Zugleich verschärften sich drittens vor allem in den mitteleuropäischen Ländern mit den von völkischen Gruppen und autoritären, antidemokratischen Kampfbünden getragenen Konterrevolutionen antisemitische Einstellungen. Zu den wesentlichen Trägergruppen dieses „Radikalismus der Rechten“ gehörten insbesondere jene, deren soziale und wirtschaftliche Stellung der Krieg ruiniert hatte. In den Mittelmächten zählten dazu ehemalige Soldaten, die nicht mehr in die zivile Gesellschaft zurückfanden, entlassene Beamte, verschuldete Bauern oder Studenten, die für antisemitische Rassentheorien besonders anfällig waren.
- viertens führte die oft problematische Konstituierung neuer, aus dem Erbe der Habsburgermonarchie oder dem zarischen Imperium hervorgehender Staaten in Europa vielfach zu gewalttätigen internen nationalen Konflikten, in die vielfach auch die zahlenmäßig oft bedeutende jüdische Minderheit betroffen war.  

Ziel des Forschungsprojektes ist es, die Radikalisierung des Antisemitismus in Europa unter systematisch vergleichender Perspektive zu untersuchen und zu fragen, welche neuen Motive die Sprache des radikalisierten Antisemitismus auszeichneten und welche Verbreitung etwa das Motiv des jüdischen Drückeberger, des Kriegsgewinnlers, Schwarzhändlers, Spions oder Verräters in den verschieden Ländern Europas hatte. Nach dem Ausbruch der russischen Revolution kamen zudem das Motiv des jüdischen Bolschewisten, und nach der Niederlage der Mittelmächte die Legende vom jüdischen Dolchstoß und der Weltverschwörung der Juden hinzu. Darüber hinaus geht es darum, der Radikalisierung der antisemitischen Parteien, der Gründung neuer Organisationen oder der antisemitischen Wende zuvor nicht offen judenfeindlicher Parteien nachzugehen. Vor allem ist die radikalisierte physische Gewalt gegen Juden unter komparativen Gesichtspunkten zu untersuchen.
So sollen in dem Projekt in sieben vergleichenden und auf die transnationalen Prozesse und gegenseitigen Verflechtungen hin konzentrierten Dissertationsprojekten ausgewählte Länder analysiert werden. Aufgrund der historischen Relevanz, der Stärke der Kriegsfolgen für die Gesellschaften und der Brisanz der Beziehungen von Juden und Nichtjuden in der verschiedenen Ländern sollen diese Einzelstudien sich auf Ungarn, Polen, Serbien/Jugoslawien, Rumänien, und Russland einschließlich der entstehenden Sowjetunion, sowie als westeuropäische Vergleichsfälle Frankreich und Belgien konzentrieren. Den Abschluss des Gesamtprojektes wird eine europäische Gesamtdarstellung bilden.
Im Kontext der Veranstaltungen zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkrieges wird das Zentrum für Antisemitismusforschung zudem eine internationale Konferenz über die Radikalisierung des Antisemitismus in Europa ausrichten.


DoktorandInnen und GastwissenschaftlerInnen* des Kollegs:

Hana Ćopić     
Isabelle Daniel
Karolina Filipowska    
Tamas Kohut
Carl-Eric Linsler*
Marie Christin Lux    
Matteo Perrisinotto*
Jan-Philipp Pomplun*
Anastasia Surkov
Elisabeth Weber
Yasmina Zian


1Das von der Einstein Stiftung Berlin finanzierte Kolleg wird geleitet von Prof. Dr. Werner Bergmann (Zentrum für Antisemitismusforschung, TU Berlin) in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Jörg Baberowski (Humboldt-Universität) und Prof. Dr. Uwe Puschner (Freie Universität). Die wissenschaftliche Leitung liegt bei Prof. Dr. Ulrich Wyrwa. Die Durchführung der einzelnen Dissertationsprojekte erfolgt in Abstimmung mit Kooperationspartnern in den betreffenden  Ländern.

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